Katholische Kirchengemeinde

St. Gereon

Rundgang durch St. Michael

Adresse:  Brüsseler Platz 1, 50674 Köln

(Einen reich bebilderten Rundgang durch die Kirche finden Sie hier.)  

 

Die Kirche St. Michael ist in ihrer architektonischen Ausformulierung eine geradezu singuläre Erscheinung. Noch heute spürt man den wilhelminischen Geist in Materiali­tät, Farbigkeit und Proportion.

Bevor es darum geht, das Verhältnis zum Historismus, zum Jugendstil und der architektonischen Moderne (USA) abzuwägen, geht es im folgenden darum, die wesentlichen Daten der Baugeschichte darzulegen:

 

Baugeschichte

Mit dem Plan von Stübben zur Köl­ner Neustadt (Erweiterung ab 1881) wächst die Stadt von 40.000 (1820) auf 160.000 (1880) Einwohner über die alte Begrenzung hinaus.

 

In der Erweiterung liegen nationaler Stolz und Lokalpatriotismus. Davon künden die Ringnamen:

Süd:   Ubier-, Karolinger-, Sachsen-, Salier-, Hohenstaufen-, Habsburger-Ring.

Nord:  Hohenzollern-, Kaiser Wilhelm-Ring, Hansaring, Deutscher Ring

 

Der überragende Anteil für die preußischen Herrscher fällt besonders auf. In diesem Ringabschnitt ent­steht in Verlängerung der historischen Breite- und Ehrenstraße die Maastrichter Strasse und an der alten Wegeverzweigung links nach Melaten/Aachener Straße, rechts nach Ehrenfeld/Venloer Straße der Kirchbauplatz für die Kath. Kirche St. Michael.


Deren Schauseite war von Anfang an auf die schon 1886 eingeweihte Ringstrasse bezogen, vergleichbar 
St. Agnes an der Neusser Strasse. St. Michael entsteht dabei in direkter Konkurrenz zur evangelischen Christuskirche, die den östlichen Turm dem Ring zuwendet.
 

Die parallel zur neugotischen Kirche Herz Jesu am Zülpicher Platz gebaute erste Notkirche St. Michael mit Pfarrhaus (Architekt Heinrich Krings) besteht von 1894 bis 1904.

Dieser kleine Vorläuferbau, eine Basilika mit dreiteiligem Mittelschiff (Saal), mit niedrigen Seitenschiffen und Dachreiter, wird ganz in Ziegel errichtet. Bei der Erbauung der neuen Kirche ab 1902 und Abbruch der Notkirche 1904 werden deren Ziegel im Sinne einer beachtlichen Nachhaltigkeit verkauft.

 

St. Michael steht ganz am Ende des Historismus. 
Wodurch waren die Bauaufgaben im Historismus in Köln geprägt?

 

Hier lässt sich klar belegen, dass bis 1880 mit der Vollendung des Domes eine überwältigende Aufgabe ge­­setzt war. Daneben galt es, vor jedem Kirchenneubau die in ihrer Bausubstanz seit der Franzosenzeit stark gefährdeten, alten romanischen Kirchen zu restaurieren (Stadtbaumeister: Weyer/Nagelschmidt). Die größte Zäsur des 19. Jahrhunderts stellt die Spekulationskrise um 1850 dar. Sie betrifft allerdings noch ausschließlich die Anlage von Innenstadtstraßen zur Erschließung von neuem Bauland innerhalb der mittelalterlichen Mauern.
 

1889 wird auf dem Gebiet einer früheren Festungslünette der Kirchbauplatz festgelegt durch Stübben und den Kaplan von St. Gereon. Als Stifter erscheint u.a. Peter Joseph Röckerath, der sich auch in St. Agnes maßgeblich engagiert.

1898 verdoppelt sich die Zahl der Katholiken in der Vorstadt von 4.000 auf 8.000.

1895 entsteht das Pfarrhaus als erstes Haus in den Feldern westlich von St. Michael.

 

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St. Michael 1902- 1906

1902-1906 entsteht der Kirchen-Neubau nach einem Entwurf (1900) von Eduard Endler (1860-1932). 
Die Kaisertreue und konservative Haltung im Verhältnis zur Neugotik und zum Jugendstil (1895ff)

sowie zur Moderne (USA) ist offenkundig.

Allein die Malerei im Innern und besondere Ausstattungsstücke der 1920iger Jahre haben diese Ausrichtung erstmals modifiziert.

 

Die Zerstörungen im 2. Weltkrieg führen zu weitreichenden Purifizierungen durch den Architekten Karl Band. Vor allem der Verzicht auf den am Außenbau malerischen Vierungsturm und die Einbringung einer Segmentholzdecke deutet den Bau im Sinne der Bauhaus­ge­danken neu. Karl Band geht es dabei um Vereinheitlichung der Bauteile und um Reduktion von Materialität und Farbigkeit in Inneren. 

Reste des ursprünglich reichen Fußbodens finden sich noch in der ehemaligen Taufkapelle im Westbau und in den Seitenchören nördlich und südlich des Hauptchores.

Die ursprünglichen Glasfenster sind alle zerstört. Im Kuppeltambour waren goldgelbe Scheiben einge­bracht und die umlaufenden Fenster hatten die Engel als Thematik. Die heutigen Fenster entstanden 1952 und 1956-60, als Betonglasfenster im Langhaus und südlichen Querschiff (Ignaz Geitel, Biblische

Schöpfungsgeschichte). Paul Weickmann schuf 1969 die Glasfenster im Chor.

 

St. Michael und die Denkmalpflege

Abgesehen von der Erbauungszeit bis zum Ende des Kaiserreiches er­­fährt St. Michael in den Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts keine beson­dere Wertschätzung mehr. Bis heute spürt man, dass diese Kirche nicht mehr dem strengen Historismus angehört, aber auch keinesfalls moderne Strömungen, wie den Jugendstil um 1900, nach vorne trägt.
 

Obschon zweifelsfrei St. Michael heute ein kunsthistorisches Denkmal von hohem Rang darstellt, belegt der Umgang mit diesem Denkmal – im Sinne der schöpferischen Denkmalpflege nach dem 2. Weltkrieg nicht die rekonstruktive Genauigkeit, die z.B. den alten romanischen Kirchen zuteil wurde.

 

Der Bautyp

St. Michael kennzeichnet ein basilikales gebundenes System auf lateinischem Kreuz. In der Westausrichtung St. Peter in Rom verwandt, aber auch charakteristisch für die mittelalterlichen Westbauvarianten, in denen die Michaelsaltäre in ihrer Bedeutung als Seelenwäger und Geleiter im Westen der Kirchen immer wieder auftauchten. Hier in Köln ist es natürlich auch die Ausrichtung des Bauplatzes auf die neue Ringstrasse und den vollendeten Dom.

 

Während die Auffassung der Gliederung am Außenbau eher flach erscheint, mit Lisenen, Bändern und Fenstergruppen, erscheint das Formenvokabular eher ‚salisch als staufisch’, keinesfalls spätromanisch, wie in der Literatur öfter behauptet. Die diaphane Struktur der Wand spielt hier gerade keine Rolle. Vielmehr sind es Großbauten wie Nivelles, Limburg a. d. Haardt und vor allem St. Michael in Hildesheim mit der ausgeschiedenen Vierung, die hier um 1900 vorgebracht werden. Das besondere Motiv der gestaffelten Nebenchöre bezieht sich auf Cluny (11. Jh.) und zugleich auf die Ent­würfe Bramantes zu Neu-St. Peter in Rom. Hier wie dort sind die zwischen Querarm und Vorchorjoch ein­ge­­fügten Konchen streng auf das Zentrum der beherrschenden Vie­rung ausgerichtet. Deren heute ver­lorene Gestalt wurde geprägt durch eine lichte Kuppel, deren Tambour mit den seitlichen Zwickeln auch am Außenbau deutlich ablesbar war.

 

Die Dächer von Kuppel und Vierungszwickeln waren im Gegensatz zum Langhaus Bleigedeckt.

Am Außenbau fallen als Besonderheit über der Zweiturmfassade steinerne Pyramidendächer auf den Türmen auf. Damit ist Materialvielfalt außen und innen hervorstechendes Gestaltungsprinzip. Nicht Vereinheitlichung, sondern Diversifizierung der Flächen und Gliederungen bei sichtbarer Addition der Baukörper. Hier äußert sich in kalter Pracht zugleich das Wilhelminische (vgl. Gedächtniskirche Berlin).

 

Die Kölner Kirchen bieten die ersten Anhaltspunkte für neoromanische Anleihen. Die Verbindung von Basilika und Kuppel ist leicht auf St. Aposteln zu beziehen, die repräsentative Zweiturmfassade auf 
St. Gereon, dort allerdings mit zwischengeschaltetem Etagenchor. Der Stützenwechsel im Inneren bezieht sich auf St. Georg, das zwei­geschossige Portal ist italienisch beeinflusst (Verona, San Zeno).

Vor allem aber ist es auch der salische Kaiserdom in Speyer, der mit einer ungeheuren Weite die unge­wöhnlichen Proportionen für das Mittelschiff von St. Michael bereithält (1:2/1:4).

 

Vor allem der gelbrote Steinwechsel und die Stufung der Wand, die hier in Speyer neu erfunden wird, lassen unwillkürlich diesen Bau des 11. Jahrhunderts vor Augen erscheinen. Das gebundene System wird in moderner Anmutung umgesetzt. Den zwei Kreuzgrat gewölbten Jochen der Seitenschiffe entspricht im Mittelschiff zwar eine achsiale Fensterausrichtung mit Dreifenstergruppe die Deckung ist allerdings eine Längstonne.

 

Der Grundriß

Ein zentrales Doppelportal führt in den Westbau. In den Türmen befinden sich Portale zu den Seitenschiffen, die allein als Verkehrswege dienen und auf die äußeren Seitenchöre der Engel zulaufen. Anders als heute prägten die Kanzel am Südost-Vierungspfeiler und die Bestuhlung bis zur Westgrenze der Vierung (Kinderplätze) den Mittelraum.
 

Eine Erweiterung des Kuppelraumes nach Westen durch die Nebenchöre, die den Diagonalachsen zugeord­net sind, charakterisiert die Weite des Zentralbaukörpers entscheidend.

Die Seiteneingänge im Winkel zwischen Langhaus und Querraum führten mit direktem Zugang ursprünglich ins Seitenschiff. Im vierten Fensterjoch von Osten stand je ein Beichtstuhl, ebenso ursprünglich hinter den Bänken in den Querarmen.

 

Longitudinal- und Zentralbauge­danken werden in diesem Kirchenbau konsequent verschmolzen. Um 1900 bezieht man sich hier auf Ideen der Romanik und der Renaissance, wobei die Kapellenaltäre im Dekagon von St. Gereon bildprägend gewesen sein dürften. Die Ausnischung der Apsis ist eher annonisch 

(vgl. St. Georg, 11. Jh.) und keinesfalls spätromanisch zu deuten.

Taufkapelle und Ausstattung

Von der Ausstattung haben sich trotz der Kriegszerstörungen bedeutende Stücke erhalten wie der Taufstein von 1894 aus der neugotischen Kirche, heute aufgestellt seit den 1950iger Jahren in einer zentral gelegenen Eintiefung im Eingangsbereich des Westbaues.

 

Von der liturgischen Ausstattung der wilhelminisch geprägten Kirche hat sich ein Chorlesepult aus Holz im nördlichen Seitenchor, nach Entwurf von Endler erhalten, sowie ein weißer Festornat in der Sakristei um 1906, bestehend aus zwei Dal­ma­tiken und einer Kasel im Stil einer neuromanische Bassgeige.

 

Schon die Wahl dieses Paramentenschnittes mit den gestickten Darstellungen des Erzengels Michael, bewußt gesetzt gegen die Kunstströmung der Neugotiker, deren Anhängerschaft in Köln besonders groß war, lässt klar erkennen, welche auch national gesetzten Anklänge in diesem Kirchenbau zu Ehren des 
Hl. Michael, des Patrons der Deutschen, wirksam werden sollten.
 

Hier hat sich in der Architektur und Ausstattung ganz im preussischen Geist ein Kirchenbau als sprechendes Gesamtkunstwerk mit großer Qualität und Strahlkraft erhalten, dass in seiner außerordentlichen Bedeutung und Zeitgebundenheit erst heute, über 100 Jahre nach seiner Entstehung, erstmals unvor­einge­nommen wahrgenommen und neu gewürdigt werden kann.

 Text: Gottfried Stracke