(„Die
drei Männlein im Walde"; „Die weiße und die schwarze Braut").
Und
im Märchen vom „Brüderchen und Schwesterchen"
werden gar beide Geschwister in ein Reh, beziehungsweise in eine Geisterscheinung
umgewandelt, ehe sie durch das Ende der verzaubernden Macht beziehungsweise
durch die Umarmung eines Menschen wieder ihre eigentliche Gestalt erhalten.
Auch aus solchen Stereotypen erweist sich
die altweise Weltsicht des Märchens, wie sie sich etwa in den Schlussformeln
„Und wenn sie nicht gestorben sind..." immer wieder angedeutet findet:
Märchenhelden sterben zwar symbolisch, sind aber nie irreversibel
tot, sondern leben in verwandelter Gestalt weiter. Solche Wandlungen können
auch durch eine vorübergehende Existenzform in einem jenseitigen Bereich
statt haben: Das „Marienkind" wird von der Madonna in den Himmel geholt
und kehrt vierzehnjährig wieder zur Erde zurück.
Im Märchen vom „Teufel
mit den drei goldenen Haaren" weilt der vierzehnjährige
Junge eine Nacht und einen Tag lang in der Hölle, ehe er die ihm zunächst
scheinbar irrtüm- lich angetraute Königstochter endgültig
als seine Ehefrau anerkennt. Das Märchen übernimmt hier zwar
Details christlicher Todes- und Jenseitsvorstellungen, wandelt sie aber
charakteristisch ab, indem sie den ewigen und unwiderruflichen
Aufenthalt im Jenseits zu einer zeitlich
begrenzten (allerdings entscheidenden ) Episode im Leben seiner Helden
macht. Auch wenn das Märchen von vorchristlichen, etwa germanischen
oder indoeuropäischen Jenseitsbereichen erzählt, sind auch diese
lediglich Durchgangsstation für die Märchenhelden wenn sie ins
unterirdische Reich der „Frau Holle"
oder wie „Schneewittchen"
und wie die „sieben Raben"
in das von Zwergen bewachte Totenreich hinter den sieben Bergen beziehungsweise
auf den Glasberg gelangen.
Betrachtet man Gemeinsamkeiten solch symbolischen
Sterbens und seiner Folgen (Verwandlung in ein Tier, Versetzung in einen
jenseitigen Lebensbereich), so ergibt sich, dass dieses für die Entwicklung
der Märchenfigur entscheidende Geschehen fast immer mit dem Beginn
der Pubertät verbunden ist: Sie sind etwa vierzehn Jahre (demnach
dürfte sich das seinerzeit siebenjährige Schneewittchen sieben
Jahre bei den sieben Zwergen aufgehalten haben) alt und werden nach ihrem
Wandlungserlebnis für reif erklärt und heiraten auch zumeist
sofort. So gesehen symbolisieren Märchen menschliche Reifungsvorgänge,
und zwar fast ausschließlich unter dem Signum der Verwandlung. Das
meint: Der Mensch wandelt sich in seiner ersten Reifezeit vom Kind zum
Erwachsenen. Dabei erlebt er eine mehr oder weniger schmerzhafte Probezeit,
in der er sich in Tiergestalt oder in einem Jenseitsbereich bewähren
muss. Diese Bewährung besteht bei einigen Märchenhelden ausschließlich
in eigener Leistung; bei den meisten aber ist (auch) die Hilfe anderer
vonnöten. So muss der Frosch sich zur rechten Zeit in der Ober-
welt zeigen und seine Braut dazu bringen,
ihn aus seiner Tiergestalt zu befreien.
Das fleißige Mädchen im „Frau
Holle" - Märchen
bewährt sich in Tätigkeiten, wie man sie von einer angehenden
Ehefrau erwartet, wenn sie reife Äpfel erntet, gebackenes Brot bewahrt
und schließlich den Haushalt der Totengöttin führt, wobei
besonders der Umgang mit den Betten symbolisch auf Ehe und Fruchtbarkeit
vorausdeutet. Diese Reifeprüfung aber konnte nur durch den symbolischen
Tod im Brunnen und die Leitung durch die Totengöttin ermöglicht
und als gelungen bestätigt werden. Sie kehrt gewandelt als „goldene
Jungfrau" ins Leben zurück.
Im „Schneewittchen"
- Märchen sind die Strukturen der Wandlung ähnlich
gestaltet: Auch hier muss sich die Märchenheldin als gute Hausfrau
bei den Totendämonen bewähren, versagt aber bei den eigentlichen
Prüfungen, indem sie dreimal das Verbot der Zwerge missachtet. Die
Zwerge können ihr dann zwar nicht mehr helfen, aber Schneewittchen
darf in ihrem gläsernen Sarg ihre endgültige
Rückverwandlung ins Leben und ihre
erlösende Begegnung mit ihrem Bräutigam erwarten.
Zusammenfassend lässt sich sagen,
dass die Märchenfiguren sich erst dann reif fühlen oder für
reif erklärt werden können, wenn sie eine Todes- und Verwandlungserfahrung
gemacht und die damit verbundenen Prüfungen bestanden haben. Das entspricht
stupende menschlichen Reifungserfahrungen: In der Pubertät wird schmerzlich
bewusst, dass die Kindheit abstirbt und dass man seinem eigenen Tod, den
man erst in dieser Lebensepoche zu begreifen und auch in gewisser Weise
anzuerkennen lernt, irreversibel näher rückt. Erst wenn diese
Einsicht gewonnen, die Wandlungen der Existenzform und der Tod als genuiner
Bestandteil jedes Lebens akzeptiert sind, kann man von Reife sprechen -
erst dann
ist den Märchenfiguren die Ehe und
damit die Weitergabe menschlichen Lebens erlaubt und möglich. Das
Märchen entspricht damit auch der Weisheit, die der Tod selbst in
einer Dichtung aus dem Jahr 1401 („Der Ackermann aus Böhmen") unwiderleglich
verkündet: Ohne den Tod gäbe es kein Leben auf der Welt; die
Märchenfiguren können erst dann zu einem Elternteil werden, wenn
sie ihren eigenen Tod bestanden, das heißt auch akzeptiert haben.
Der Tod stellt die größte Wandlung
der menschlichen Existenz dar. Jede Wandlung im Märchen hat irgendwie
mit Todeserfahrungen zu tun, wie sie ähnlich Paulus in seinem Brief
an die Korinther impliziert, wenn er von der Verwandlung aller Menschen
spricht. Und auch Goethe lässt seinen Faust in der Unterwelt, bei
den „Müttern", Geheimnis und Gesetz allen Lebens und Sterbens erfahren:
„Gestaltung, Umgestaltung". Was hier theologisch oder dichterisch ausgesprochen
ist, stellt das Märchen immer wieder in symbolischer Bildersprache
vor, die jeder Hörer oder Leser 'versteht', weil diese Bilder letztlich
eigene Lebenserfahrungen oder -erwartungen spiegeln und deuten. |