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Gastkolumne
In manchen Zeitungen ist es üblich, dass außer den eigenen Mitarbeitern auch schon einmal kompetente Gäste schreiben können. So wollen wir ab dieser Ausgabe in unserem Pfarrbrief eine Gastkolumne einrichten.
Diesmal schreibt Prof. Dr. Heinz Rölleke, Professor für Literaturwissenschaft und Volkskunde an der Bergischen Universität Wuppertal. 
Von der Wandlung im Märchen
von Prof. Dr. Heinz Rölleke

„Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden alle verwandelt werden, und das in einem Augenblick." 
(1 Kor 15,51)

„Gestaltung, Umgestaltung, des ewigen Sinnes ewige Unterhaltung."
(Goethe, „Faust", Vers 6287 f.)

Es gibt wohl keine literarische Gattung, in der so oft und intensiv von Wandlung und Verwandlung die Rede ist, wie das Märchen. Man braucht sich nur an die bekanntesten der „Kinder- und Hausmärchen" der Gebrüder Grimm zu erinnern, und man stößt auf Schritt und Tritt auf dieses Motiv, das oft sogar im Zentrum der Geschichte steht. Da war ein Prinz in einen Frosch verwandelt worden; er kann erst wieder in seiner Menschengestalt erscheinen, wenn die Königstochter ihn in seiner Tierverkörperung im wörtlichsten Sinn verwirft 
(„Der Froschkönig"). Da begegnen uns junge Königinnen als Enten, nachdem sie ertränkt wur- 
den, und werden von ihren Gatten erst endgültig in ihrer Menschengestalt wiedergewonnen, wenn sie diese tierische Animaverkörperung realiter oder symbolisch mit dem Schwert töten
 

(„Die drei Männlein im Walde"; „Die weiße und die schwarze Braut"). 
Und im Märchen vom „Brüderchen und Schwesterchen" werden gar beide Geschwister in ein Reh, beziehungsweise in eine Geisterscheinung umgewandelt, ehe sie durch das Ende der verzaubernden Macht beziehungsweise durch die Umarmung eines Menschen wieder ihre eigentliche Gestalt erhalten.

Auch aus solchen Stereotypen erweist sich die altweise Weltsicht des Märchens, wie sie sich etwa in den Schlussformeln „Und wenn sie nicht gestorben sind..." immer wieder angedeutet findet: Märchenhelden sterben zwar symbolisch, sind aber nie irreversibel tot, sondern leben in verwandelter Gestalt weiter. Solche Wandlungen können auch durch eine vorübergehende Existenzform in einem jenseitigen Bereich statt haben: Das „Marienkind" wird von der Madonna in den Himmel geholt und kehrt vierzehnjährig wieder zur Erde zurück. 
Im Märchen vom „Teufel mit den drei goldenen Haaren" weilt der vierzehnjährige Junge eine Nacht und einen Tag lang in der Hölle, ehe er die ihm zunächst scheinbar irrtüm- lich angetraute Königstochter endgültig als seine Ehefrau anerkennt. Das Märchen übernimmt hier zwar Details christlicher Todes- und Jenseitsvorstellungen, wandelt sie aber charakteristisch ab, indem sie den ewigen und unwiderruflichen 
Aufenthalt im Jenseits zu einer zeitlich begrenzten (allerdings entscheidenden ) Episode im Leben seiner Helden macht. Auch wenn das Märchen von vorchristlichen, etwa germanischen oder indoeuropäischen Jenseitsbereichen erzählt, sind auch diese lediglich Durchgangsstation für die Märchenhelden wenn sie ins unterirdische Reich der „Frau Holle" oder wie „Schneewittchen" und wie die „sieben Raben" in das von Zwergen bewachte Totenreich hinter den sieben Bergen beziehungsweise auf den Glasberg gelangen.

Betrachtet man Gemeinsamkeiten solch symbolischen Sterbens und seiner Folgen (Verwandlung in ein Tier, Versetzung in einen jenseitigen Lebensbereich), so ergibt sich, dass dieses für die Entwicklung der Märchenfigur entscheidende Geschehen fast immer mit dem Beginn der Pubertät verbunden ist: Sie sind etwa vierzehn Jahre (demnach dürfte sich das seinerzeit siebenjährige Schneewittchen sieben Jahre bei den sieben Zwergen aufgehalten haben) alt und werden nach ihrem Wandlungserlebnis für reif erklärt und heiraten auch zumeist sofort. So gesehen symbolisieren Märchen menschliche Reifungsvorgänge, und zwar fast ausschließlich unter dem Signum der Verwandlung. Das meint: Der Mensch wandelt sich in seiner ersten Reifezeit vom Kind zum Erwachsenen. Dabei erlebt er eine mehr oder weniger schmerzhafte Probezeit, in der er sich in Tiergestalt oder in einem Jenseitsbereich bewähren muss. Diese Bewährung besteht bei einigen Märchenhelden ausschließlich in eigener Leistung; bei den meisten aber ist (auch) die Hilfe anderer vonnöten. So muss der Frosch sich zur rechten Zeit in der Ober-
welt zeigen und seine Braut dazu bringen, ihn aus seiner Tiergestalt zu befreien. 

Das fleißige Mädchen im „Frau Holle" - Märchen bewährt sich in Tätigkeiten, wie man sie von einer angehenden Ehefrau erwartet, wenn sie reife Äpfel erntet, gebackenes Brot bewahrt und schließlich den Haushalt der Totengöttin führt, wobei besonders der Umgang mit den Betten symbolisch auf Ehe und Fruchtbarkeit vorausdeutet. Diese Reifeprüfung aber konnte nur durch den symbolischen Tod im Brunnen und die Leitung durch die Totengöttin ermöglicht und als gelungen bestätigt werden. Sie kehrt gewandelt als „goldene Jungfrau" ins Leben zurück. 
Im „Schneewittchen" - Märchen sind die Strukturen der Wandlung ähnlich gestaltet: Auch hier muss sich die Märchenheldin als gute Hausfrau bei den Totendämonen bewähren, versagt aber bei den eigentlichen Prüfungen, indem sie dreimal das Verbot der Zwerge missachtet. Die Zwerge können ihr dann zwar nicht mehr helfen, aber Schneewittchen darf in ihrem gläsernen Sarg ihre endgültige 
Rückverwandlung ins Leben und ihre erlösende Begegnung mit ihrem Bräutigam erwarten.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Märchenfiguren sich erst dann reif fühlen oder für reif erklärt werden können, wenn sie eine Todes- und Verwandlungserfahrung gemacht und die damit verbundenen Prüfungen bestanden haben. Das entspricht stupende menschlichen Reifungserfahrungen: In der Pubertät wird schmerzlich bewusst, dass die Kindheit abstirbt und dass man seinem eigenen Tod, den man erst in dieser Lebensepoche zu begreifen und auch in gewisser Weise anzuerkennen lernt, irreversibel näher rückt. Erst wenn diese Einsicht gewonnen, die Wandlungen der Existenzform und der Tod als genuiner Bestandteil jedes Lebens akzeptiert sind, kann man von Reife sprechen - erst dann 
ist den Märchenfiguren die Ehe und damit die Weitergabe menschlichen Lebens erlaubt und möglich. Das Märchen entspricht damit auch der Weisheit, die der Tod selbst in einer Dichtung aus dem Jahr 1401 („Der Ackermann aus Böhmen") unwiderleglich verkündet: Ohne den Tod gäbe es kein Leben auf der Welt; die Märchenfiguren können erst dann zu einem Elternteil werden, wenn sie ihren eigenen Tod bestanden, das heißt auch akzeptiert haben.

Der Tod stellt die größte Wandlung der menschlichen Existenz dar. Jede Wandlung im Märchen hat irgendwie mit Todeserfahrungen zu tun, wie sie ähnlich Paulus in seinem Brief an die Korinther impliziert, wenn er von der Verwandlung aller Menschen spricht. Und auch Goethe lässt seinen Faust in der Unterwelt, bei den „Müttern", Geheimnis und Gesetz allen Lebens und Sterbens erfahren: „Gestaltung, Umgestaltung". Was hier theologisch oder dichterisch ausgesprochen ist, stellt das Märchen immer wieder in symbolischer Bildersprache vor, die jeder Hörer oder Leser 'versteht', weil diese Bilder letztlich eigene Lebenserfahrungen oder -erwartungen spiegeln und deuten. 

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