Dekagon mit Blick auf
Langchor, Hochchor & Apsis 

Zur Glasmalerei von Wilhelm Teuwen in St. Gereon
Astrid Schunck

Worte gibt es, die sprechen bildhaft und lautmalerisch unsere Fantasie an. „Durchbruch“: damit verbinden wir die Vorstellung, Mauern zu sprengen und womöglich gleichzeitig den Wunsch, ein entstandenes Loch wieder zu schließen. St. Gereon spiegelt diese Dialektik in seiner Architektur. Die Wände des Dekagons ummanteln den antiken Gründungsbau, welcher für neue Fenster partiell durchbrochen werden musste. Mehrfach gestufte Gewände, Bögen und Dienste zerlegen das Mauerwerk und demonstrieren gleichzeitig dessen Kompaktheit. Tief sitzen die Fenster in ihren Laibungen: Sie öffnen die Wand, sie schließen die Wand - ein funkelndes Feuer in allen Farben des Regenbogens, kein Blick dringt nach außen.


Glasmalerei in St. Gereon


Die Neuverglasung von St. Gereon nach dem Zweiten Weltkrieg erfolgte in zwei Etappen. 1949 entwarf Wilhelm Teuwen für den Langchor die sogenannte „Notverglasung“, welche, anfangs als Provisorium vorgesehen, Jahrzehnte Bestand haben sollte und sich teilweise im­mer noch in der Kirche befindet. Teile seiner Apsisfenster, die 1983 gegen neue, von Georg Meistermann entworfene Scheiben ausgetauscht worden sind, schmücken jetzt beispielsweise die Scheiben der südlichen Vorhallenkapelle. Sie vermitteln uns anschaulich die Situation der späten vierziger Jahre, als es galt, ohne Aufwand an Material und Kosten große Flächen mög­lichst rasch zu schließen. Teuwen gliederte Grisaillebahnen mit Zirkel und Lineal und ver­edelte schlichtes Kathedralglas mit einfachen Mitteln wie die hier in die Mitte der Ornamente gleichsam als Augen eingesetzten blaßblauen Glasstückchen.


Die Instandsetzung des Dekagons hat Jahrzehnte in Anspruch genommen. In den achtziger Jahren wurde Georg Meistermann und Wilhelm Buschulte die Gestaltung der Fenster des Zentralbaus und der Chorapsis übertragen. Ihre Bildzyklen sind in der Literatur dokumentiert, doch das Thema der Glasmalerei in St. Gereon ist damit nicht erschöpft. Acht Glasmaler der Gegenwart sind hier vertreten, darunter drei ehemalige Studenten von Wilhelm Teuwen an den Kölner Werkschulen, und es gibt noch so manches zu entdecken. Welche Scheiben zeigen uns eine Bienenwabe? Sie befinden sich im Vorraum des nördlichen Treppenturmes an der Nahtstelle von Dekagon und Hochchor und wurden von Teuwens Schülerin Ursula Fittges-Lünenborg entworfen. Die verschiedenen Ka­pellen und Nebenräume entziehen sich leicht der Aufmerksamkeit, sie führen innerhalb der großzügigen und offenen Architektur von St. Gereon gleichsam ein verborgenes Eigenleben. Um die Mitte des 12. Jahrhunderts ist der Langchor um ein quadratisches Joch mit Apsis und seitlichen Türmen erweitert worden, welche sich mit Rundbögen zum Chor öffnen. Hier be­finden sich 1956 entstandene figürlich gestaltete Scheiben von Wilhelm Teuwen.


 

Teuwens Glasmalerei ist so vielfältig wie sein gesamtes Oeuvre, das ebenfalls Mosaiken und Textilien umfasst sowie Ölgemälde, Hinterglasbilder und Holzschnitte. Seit 1946 lehrte Teuwen, 1908 in Anrath bei Krefeld geboren, Kirchen- und Glasmalerei an den Kölner Werk­schulen. 1948 übernahm er weiterhin die Klasse für Textile Künste. Sein eigenes Studium in Düsseldorf, wo er Meisterschüler von Heinrich Campendonk wurde, schloss er 1934 ab. Mit Bleiverglasungen ist er in mehreren Kölner Bauten vertreten, wobei er sich namentlich im Gürzenich und im Dom künstlerische Verdienste erworben hat.


Die Fenster der nördlichen Turmkapelle zeigen in der Chorachse einen Engel mit Symbolen der Eucharistie. Lichtes Gelb in Kontrast zu sattem Blau bringt das einfallende Morgenlicht zur Geltung. Das andere Fenster thematisiert die Himmelfahrt Mariens. Zarte, ein wenig ins Violette spielende Blautöne – hell und kühl – greifen das gedämpfte Licht der Nordseite auf. Zu Füßen der Maria wächst jedoch eine leuchtend rote Rose empor.


Die Muttergottes ist auf blaues Glas gemalt, die Bleiruten geben allein ihre Konturen und we­nige wohl konstruktiv bedingte Mittellinien vor. Pinselstriche und Lasuren auf der Basis von eingebranntem Schwarzlot, eine gemahlenem Glas chemisch verwandte Farbe, lassen Gesicht und Haare hervortreten, verleihen ihrer Gestalt Plastizität, Volumen und Leben. Ungewöhnlich mutet Teuwens Muttergottes an, auch heute noch. Ist das wirklich Maria, wie wir sie aus der Bibel kennen? Die Rose, das Attribut Mariens, wächst aus einem sich öffnenden Grab empor, welches metaphorisch zur Auferstehung aller Menschen am jüngsten Tag überleitet. Ohne Kenntnis anderer Himmelfahrten von Teuwen wie in der Düsseldorfer Kirche „St. Maria unter dem Kreuze“, wo in diesem Kontext ein Grab klar zu erkennen ist, wäre hier rein optisch gesehen ebenso gut ein Brunnen zu vermuten. Leitmotivisch kehrt Wasser in allen drei Fenstern wieder. So manch ein Bilddetail erklärt sich nicht aus der tradierten christlichen Ikonographie. Erblicken wir die Jungfrau vor einem vergitterten Fenster oder ist die Recht­eckrasterung ohne Bedeutung?
Wo befindet sich Maria, draußen oder in einem geschlossenen Raum? - dieses Bild gibt ihr Geheimnis nicht preis.



Madonna mit Rose

 

Pfarrer Dr. Robert Grosche förderte zeitgenössische Künstler, wobei er nicht allein an Komposition und Technik, sondern auch den Symbolgehalt hohe Anforderungen stellte. Teuwen ging noch einen Schritt weiter und erfand einige neue Symbole. Sein Fenster in der südlichen Turmkapelle stellt einen Engel mit einem Fisch an der Angel dar – gemäß Fußbroich eine Metapher für das Taufsakrament.


Die drei Fenster befanden sich nicht immer in den oberen Turmkapellen, vielmehr hatten sie eigentlich ihren Platz in der Apsis der Krypta, mit deren Verglasung Teuwen um 1950 betraut worden war. 1956 stiftete Teuwen die ersten drei Fenster für die Apsis, wo ihnen gerade acht Jahre vergönnt sein sollten.  Teuwens Entwurfarbeiten müssen zum Erliegen gekommen sein. 1964 beantragte Pfarrer Grosche die Neuvergabe des Auftrags an Alfred Manessier, der das Projekt zügig abwickelte. Den Weg in die Turmkapellen haben die drei Apsisfenster wahrscheinlich erst kurz nach Teuwens Tod gefunden. 1967 erlag er einer schweren Krankheit und verstarb. Sein Schüler Bernhard Kloss überwachte die Umsetzung der Scheiben und entwarf die Vierte, welche das Opfer Abrahams als alttestamentliche Präfiguration der Eucharistie zeigt.


In St. Gereon, dieser von Bomben so empfindlich getroffenen Kirche, haben sich Glasmaler zusammen gefunden, welche die Schrecken des Krieges und des Nationalsozialismus am ei­genen Leib erfahren haben. Seit rund zwanzig Jahren stehen die romanischen Kirchen von Köln den Menschen wieder in ihrem alten Glanz offen – ein Durchbruch in doppelter Hinsicht.


Last Update: Donnerstag, 17. März 2005 10:57 Wolfgarten

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