In einem Lied von Jim Morrison heißt es:
„Break through to the other side…“
(Brich zur anderen Seite durch).
Bei ihm geht es um den Mut, die Lethargie des Alltags aufzugeben, Phantasie und Kreativität walten zu lassen. „Unter den Pflastersteinen der Strand“ war der Schlachtruf der Pariser Studentenrevolte. Von der Tristesse zur Farbe, von der Einsamkeit zur Gemeinschaft, von der Trauer zur Freude, von der Verzweiflung zum Mut, zur Hoffnung!

All dies ist auch in dem Bild von Vostell „Der Fall der Berliner Mauer“ enthalten. Aus der Enge der DDR in eine neue, weiter gewordene Welt! Allerdings war dann die Überraschung auf beiden Seiten über die Folgen nicht in diesem Moment vorauszusehen. Aber das war auch in dem Augenblick nicht wichtig. Bert Brecht beschrieb eine Situation solcher Art mit den Worten: „Die Mühen der Berge haben wir hinter uns, vor uns liegen die Mühen der Ebene.“


Die Mühen der Ebenen


Einen Durchbruch ganz anderer Art konnten wir alle vor einigen Jahren beobachten. Vielleicht erinnern Sie sich noch an das große Erdbeben in der Türkei und danach in Griechenland. Beide Länder waren erklärte Feinde seit 1923. Beide beargwöhnten und bedrohten sich gegenseitig und rüsteten auf. Als es darum ging, die Toten an der türkischen Küste zu bergen, noch Lebende aus Trümmern zu ziehen, waren die Griechen als erste zur Stelle, um zu helfen. Das türkische Volk und seine Regierung vermerkten es sehr sorgfältig, die ausgestreckte Hand wurde ergriffen. Heute stehen beide Staaten in gegenseitiger Freundschaft und Hilfe zueinander und begreifen ihre Gemeinsamkeiten, die nicht mehr nur in gelegentlicher Erdbebenhilfe besteht. Sicher, es muss noch manches Missverständnis, manche Behinderung im Umgang miteinander beseitigt werden, aber der entscheidende Durchbruch ist gelungen.
Oder wie waren kürzlich die Nachrichten aus Nordsumatra, als erst die Welle über das Land gehen musste, um die Aufständischen mit den Regierungsvertretern an einen Tisch zu bringen. Das gleiche Bild mit der gleichen Nachricht erreichte uns auch aus Sri Lanka. Tamilen und Singhalesen halfen sich gegenseitig. Aber muss der Wecker, der die Menschen aus ihrer Lethargie reißt, gleich so groß sein ?
Muss erst Ungeheuerliches geschehen, damit die um sich selbst kreisenden Zeitgenossen wachgerüttelt werden, um zu helfen, um Frieden zu bewirken, um Hunger zu stillen, um Wahrheit aufzudecken, um Vernunft und Verständnis walten zu lassen?

Da fällt mir der lapidare Reim von Bert Brecht ein:


Der Mensch ist gar nicht gut,

drum hau ihm auf den Hut,

hast du ihm auf den Hut gehaut,
(so heißt es original bei Brecht)

dann wird er vielleicht gut.

Ich frage mich, wer da wem auf den Hut haut. Wer bringt wem den Durchbruch zum besseren Handeln bei? Wenn ich an den 11. September 2001 denke, so scheint es doch mehr ein gegenseitiges auf den Huthauen geworden zu sein: von der Ursache zur Wirkung zur Ursache zur Wirkung usw. Sagt keiner mal „Aufhören“? Von einem Durchbruch zur Gewalt zur nächsten Steigerung!

Auf der Strecke bleibt nicht nur das Recht des Bürgers. Wo ist da eine Besserung in Sicht ? Reicht es schon zum Durchbruch sich vorzunehmen, die Muslime besser zu kennen, vielleicht sogar verstehen zu wollen (allerdings ein seltener Fall)? Hat es uns in Europa nicht doch den Blick geschärft, sensibler gemacht für Zusammenhänge?


Einen Durchbruch zu erzielen, kann auch bedeuten, endlich bereit zu sein, in Frage zu stellen, neu zu bewerten. Nach den Erfahrungen im 2. Weltkrieg, nach Holocaust  und Zusammenbruch sind wir Deutschen ein friedlicheres Volk geworden, aus dem „ungelehrigen“ Thomas, der erst die Realität des Krieges am eigenen Leibe erleben musste, wurde ein Volk, das in seiner großen Mehrheit „Nein“ zur Gewalt sagen kann, das aufmerksam geworden ist für Rechtsbrüche und Hilferufe anderer.


Die Lehrstunde für diesen Durchbruch war die Kriegskatastrophe. Und dann steht bestimmt in irgend einer Zeitung:
„Wie konnte Gott das zulassen ?“ Wohl eben deshalb.

Wenn Sie sich das Bild von Vostell noch einmal ansehen, werden Sie unter dem oberen Rand ein Auge erkennen, das das Geschehen beobachtet. Werden wir doch noch den Durchbruch zu einer Welt schaffen, wie sie sein könnte ? Wie wir sie uns idealerweise erträumen ? Aber Jesus sagte bereits: “Nur Gott ist gut.“ Das ist für uns allerdings keine Entschuldigung.

 Inge Baecker


Weitere Informationen über Ugo Bossi in der Galerie Inge Baecker
Brücke, 1998
Acryl, Holographie hinter Glas
100 x 300 cm von Ugo Dossi

Durchgang, 1998
Acryl, Holographie hinter Glas
100 x 300 cm von Ugo Dossi

 

Zu den Bildern von Ugo Dossi:
Ugo Dossi setzt sich mit dem Raum auseinander, d.h., mit jenem Raum, der nicht allein intellektuell definiert werden kann, ein imaginärer Raum, als Verweis, dass jenseits vom Menschen erfahrenen Kosmos ein bei weitem tieferer existiert.

Die Existenz dieses "jenseitigen", immateriellen Kosmos ist Dossis Objekt der Versuchung.
 


 

Titelbild:
Naturgesetzte, 1990

Installation mit subliminalen Projektionen

Weitere Informationen über Ugo Bossi in der Galerie Inge Baecker


Last Update: Donnerstag, 17. März 2005 17:14 Wolfgarten

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