| PFARRBRIEF ST. GEREON Weihnachten 2001 |
„Ich
stehe vor der Tür und
(Offenbarung 3,20) |
Nach einer Informationsveranstaltung des Pfarrgemeinderates von St. Gereon im September 2001 zum Thema: Stammzellenforschung von Benedicta La Rosée Bis vor kurzem wurde die Diskussion um Stammzellenforschung weitgehend von hochspezialisierten Fachleuten ausgetragen. Heute ist es ein Schlagwort in aller Munde. Zu Beginn dieses Artikels sollen zunächst einmal die Begriffe geklärt werden. Von Embryo spricht man, wenn die befruchtete Eizelle sich zu teilen beginnt. Stammzellen sind der Ursprung der rund 300 verschiedenen Zelltypen, die im menschlichen Körper vorkommen. Es gibt zum einen totipotente (alleskönnende) embryonale Stammzellen, die entstehen, wenn der Embryo sich in zwei, vier und später acht Zellen zu teilen beginnt. Jede einzelne dieser Zellen besitzt die Fähigkeit, Ursprung eines ganzen Menschen zu werden. Nach weiteren Teilungen entsteht ein Keimbläschen (Blastozyte), das in seinem Inneren bis zu 200 pluripotente Stammzellen enthält. Letztere können sich in jeden menschlichen Zelltyp (nicht mehr in einen ganzen Menschen) weiterentwickeln. Wissenschaftler versprechen sich, durch Stammzellen gewonnenes Gewebe (etwa Blut-, Leber- oder Gehirnzellen) so einzusetzen, dass sich möglicherweise Krankheiten wie Parkinson, Alzheimer, bestimmte Arten von multipler Sklerose oder Diabetes heilen oder zumindest bessern lassen. Die Vorstellung, komplette Organe wie Herz oder Leber im Labor zu züchten, ist zur Zeit utopisch. Geforscht wird derzeit an verschiedenen Arten von Stammzellen. Adulte Stammzellen können aus dem Blut oder Knochenmark erwachsener Menschen gewonnen werden. Eine weitere Möglichkeit ist die Gewinnung von Stammzellen aus dem Restblut von Nabelschnur und Plazenta unmittelbar nach der Geburt. Dieses Nabelschnurblut enthält eine relativ große Anzahl unreifer Blutstammzellen, aus denen sowohl Blutzellen als auch andere Gewebezellen wachsen können. Die momentan am heißesten umstrittene
Art von Stammzellen sind jedoch sicherlich die embryonalen
Stammzellen (ES), die aus unterschiedlichen Quellen stammen
können. Zum einen können ES einem abgetriebenen Embryo oder Fehlgeburten
entnommen werden. Man kann aber auch sogenannte überzählige Embryonen
verwenden, wie sie bei der künstlichen Befruchtung „anfallen" und
eingefroren werden. Eine weitere Möglichkeit ist die Herstellung von
Embryonen durch Kerntransfer, das sogenannte therapeutische
Klonen. Es werden auf künstlichem Weg Embryonen hergestellt,
die anschließend im Blastozytenstadium getötet werden. Vorteil
der ES ist, dass sie, einmal gewonnen, praktisch unbegrenzt vermehrbar
sind, ohne ihre Fähigkeiten einzubüßen. Noch heute wird
weltweit mit nur wenigen Linien gearbeitet. In England ist das therapeutische
Klonen seit Januar 2001 erlaubt.
Ethischer Hintergrund Ethische Diskussionen auf diesem Gebiet werfen letztendlich die alte Frage nach dem Beginn (und Ende?) menschlichen Lebens auf. Verschiedene Kulturen und Religionen haben unterschiedliche Ansätze, ab wann der Mensch zur „Person„ wird, zum schützenswerten Individuum, ausgestattet mit Menschenrechten. Es gibt mehrere Varianten (befruchtete Eizelle, Einnistung in die Gebärmutter, Ausbildung des Gehirns, Fähigkeit zum Schmerzempfinden, Geburt, Bewusstseinsfähigkeit, Fähigkeit zur Selbstachtung, Freiheit von schweren Missbildungen), aber bislang keinen allgemeinen Konsens. Gilt die Menschenwürde für Embryonen? Rein wissenschaftlich am ehesten haltbar scheint jedoch die Annahme, dass menschliches Leben mit der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle beginnt, denn ab diesem Zeitpunkt ist neues menschliches Leben in der befruchteten Eizelle bis ins kleinste Detail bereits angelegt. Das Problem ist, dass man dem Embryo im Reagenzglas sein Menschsein nicht ansehen kann, was dazu verleitet, zwischen biologischem und ethischem Lebensbeginn zu unterscheiden. In der Diskussion um die Stammzellen- und
Embryonenforschung taucht immer wieder das „Dammbruchargument"
auf: ist das eine erst mal legalisiert, werden andere zur Zeit noch bedenkliche
oder unvorstellbare Dinge folgen ( Selektion, Chimären etc.). Ehrlicherweise
muss man sich jedoch fragen, ob seit der unter großem öffentlichen
Druck geführten Abtreibungsdebatte der Damm nicht längst gebrochen
ist. Ungeborene Kinder haben in weiten Teilen der westlichen Welt ein nur
eingeschränktes Lebensrecht, wenn dies auch gesetzlich als Ausnahmezustand
bezeichnet wird.
Auf der anderen Seite steht die moralische Pflicht, kranken Menschen zu helfen. Die Debatte erscheint in einem völlig anderen Licht, sobald das Leid ein Gesicht bekommt: 250.000 Parkinson-Kranke gibt es allein in Deutschland. Sie setzen enorme Hoffnungen in die Stammzellenforschung und ganz besonders das therapeutische Klonen. Im Ausland ist es Medizinern gelungen, Embryozellen in das Gehirn Parkinsonkranker Menschen einzuschleusen. Forscher erhoffen sich davon große Chancen bei der Behandlung (wenn man einmal davon absieht, dass pro Behandlung bis zu sieben menschliche Feten notwendig waren). Gegner der sogenannten Biomedizin werden nicht müde, die Naturgegebenheit von Krankheit, Leid und Tod zu betonen. Den Betroffenen selbst dürfte es um einiges schwerer fallen, ihre Krankheit selbstlos und mit madonnenhafter Demut in Kauf zu nehmen. Ein spirituelles Überhöhen von Leid erscheint ziemlich unangebracht und kann niemandem aufgezwungen werden. Wer also nach Unterlassung von Forschung ruft, sollte dies gut begründen können. Dabei geht es gar nicht darum, auf Forschung zu verzichten, sondern die Schwerpunkte anders zu setzen. Möglicherweise zeichnet sich nämlich
ein Ausweg ab: die Chancen werden größer, dass embryonale Stammzellen
gar nicht die einzige Lösung sind und man der Erforschung und Möglichkeiten
adulter Stammzellen bisher zuwenig Aufmerksamkeit geschenkt hat. Es gibt
Forschungsergebnisse die belegen, dass adulte Stammzellen tatsächlich
mehr können als bisher angenommen. Hier liegt die Chance auch für
Deutschland.
www.katholische-kirche.de
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