| PFARRBRIEF ST. GEREON Weihnachten 2001 |
„Ich
stehe vor
(Offenbarung 3,20) |
„Der Anschlag auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 war eine der größten Heimsuchungen der Vereinigten Staaten und aller mit ihnen verbündeten Nationen." Dieser Satz fiel mir als erster ein, als ich gebeten wurde, etwas zum Thema Heimsuchung zu schreiben. Und ich denke, es lohnt sich, dem Wort nachzugehen. Der bewaffnete Raubüberfall auf ein Haus und seine Bewohner heißt in altgermanischer Rechtssprechung hemsokn, Hausfriedensbruch im Mittelhochdeutschen heimsuochunge. Wir brauchen dieses Wort, wenn wir von einer Katastrophe sprechen, die Menschen ganz persönlich und existentiell getroffen hat. Heim steht dann im übertragenen Sinne für mich selbst und meine ganze Existenz. Da wo ich im tiefsten Sinne mein Heim habe, zu Haus bin in mir selbst und meiner Seele, da sucht mich die Katastrophe auf, dringt sie mit Gewalt ein, bedroht und erschüttert mich. Wenn wir an das World Trade Center denken,
ist das Wort in beiderlei Sinn richtig gebraucht. Wir lesen das Wort aber
auch in Bibelübersetzungen und hier ist es besonders durch die Bibelübersetzung
Martin Luthers geprägt. Da dient es zur Wiedergabe des griechischen
episkepomai was bedeutet „nach jemand sehen, sich sorgen und kümmern,
jemand - besonders Kranke mit sorgender Anteilnahme besuchen.
Oder als Jesus den jungen Mann in Naim
aus dem Tod geholt hat, rufen die Leute: „Ein
großer Prophet ist unter uns aufgetreten: Gott hat sein Volk heimgesucht!(Lk
7.16)
Mit einer solchen Heimsuchung sucht er
nicht anders als mit seinem Erbarmen die Lebenskräfte der Menschen
zu stärken oder zu entfalten. Durch die Katastrophe und die damit
verbundene Krise leitet er einen Wandlungsprozess ein und gibt den verhärteten
Herzen eine neue Entwicklungschance, wieder auf den rechten Weg des Lebens
zu finden. Das biblische Wort Heimsuchung vereint also beide Aspekte -
Heimsuchung als Krise sollten wir nicht
gerade auch die Heimsuchung vom
Die religiös gefärbte Ideologie der Attentäter kennt eine solche Sicht der Dinge nicht. Sie kennt nur Gläubige oder Ungläubige, Gute oder Böse. Und wer zu der einen oder andern Seite gehört, das definieren sie selber. Aber verfallen nicht auch wir, von solchem Fundamentalismus bedroht, in die gleiche undifferenzierte Art zu denken? Können wir das noch: die Zeichen der Zeit verstehen auf der Basis von Gottvertrauen und Gottesfurcht? Beide Aspekte gehören zusammen, wenn wir uns als Glaubende vor dem Ewigen ernst nehmen. Kalkulieren wir bei unserm Afghanistankrieg über die Vernichtung der Terroristen (und vieler unschuldiger Menschen und über die Gefahr eine ganze Weltregion in Elend und Gewalt zu überziehen) hinaus noch einen Wandlungsprozess bei uns selber ein? Beschäftigen wir uns genau so energisch wie mit der Abwehr der kriminellen Bedrohung mit den Hintergründen, die solch ein Verbrechen durch unsern eigenen Lebensstil ermöglicht oder vielleicht sogar hervorgerufen haben? Zum Beispiel: Die fraglose Sicherheit mit der wir unsere Macht und unsern Reichtum gegenüber den armen Völkern der Welt beanspruchen. Die Selbstsicherheit, mit der wir unsere Sicht der Welt für die einzig richtige halten. Sind das nicht Dinge für die Gewissenserforschung im jetzigen Advent? Der ewige Gott will Mensch unter uns Menschen werden, um uns mit seiner Gnade zu überschütten. Ich denke, er zwingt uns vorher oft eine Krise auf, damit wir nicht in unserer eigenen Oberflächlichkeit und Selbstgerechtigkeit verkommen, sondern aufstehen und eine Tür öffnen für seine Gnade. |
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