PFARRBRIEF ST. GEREON     Herbst 2001
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Danken

Ich will
Dir danken
aus ganzem Herzen,
verkünden will ich all Deine Wunder.

Psalm 9,2

Dankbarkeit und Schuld
von Adrian Wellmann

Dankbarkeit entspringt der Freude. Und Freude ist der Ausdruck von Freiheit. 
So drückt sich also Freiheit im Gefühl der Dankbarkeit aus.

Schuld hingegen ist der dunkle Schatten, der uns voneinander getrennt hält. In ihr
sehen wir den anderen nicht, und also sehen wir uns selber nicht.
Wenn Schuld zwischen uns Menschen steht, so ist Vergebung nötig, denn durch sie
öffnet sich der Weg zur Dankbarkeit und Freiheit.

Ich glaube, daß der wirklich freigewordene Mensch zu allem in Dankbarkeit steht,
weil er erkannt hat, mit allem verbunden zu sein, mit allem eins zu sein. In diesem
Sinne kann Schuld nur sein, solange die Vergebung den Irrtum des Unverbundenseins nicht aufgelöst hat. 
Wir sehen deshalb eine Welt der Vereinzelung und der Einsamkeit, die zur traurigen Realität geworden ist. 
Wenn man zu sich selbst ehrlich ist, muß man feststellen, daß häufig trennende Gefühle und Gedanken den Alltag dominieren. Der Nächste ist oft weiter entfernt als der Mond. Und in diesem Gefühl des Entferntseins - des Eigenseins - schwingt immer auch Einsamkeit und Unglück.

Wer will sich schon als ein Verlassener identifizieren, von den Menschen verlassen
und schließlich auch von Gott?
Aber es liegt ein Grundirrtum in dem Denken, das sich solchermaßen sieht. Es handelt sich gewissermaßen um einen Denkfehler, der seine Auswirkungen in der Wahrnehmung der Realität hat. 
Dieser Fehler liegt darin zu glauben, man sei ein Körper, getrennt von anderen, begrenzt und sterblich; oder mit einem Wort: man sei vom Himmel getrennt. Leider glauben die meisten noch fest daran, voneinander getrennte Wesen und vom Himmel entfernt zu sein. 
Es ist dies die Frage eines Irrglaubens und bedarf der Berichtigung im Geiste, damit der Mensch sich wiedererkennen kann als allverbundenes Kind Gottes.
Im „Vaterunser“ sprechen wir: 
„Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ 
Darin liegt meines Erachtens die Lösung aus dem Dilemma der Egoverhaftung. Vergebung ist das Schlüsselwort, womit das Tor zum Himmel aufspringt. Vergebung heißt immer Schuldvergebung. Sie meint eben nicht nachzurechnen,
zu vergleichen und zu urteilen, um eine gerechte Strafe zur Voraussetzung zu machen, um Schuld nachzulassen. 

Jesus hat immer vergeben, besonders da, wo die Logik der Welt Sühne durch Strafe forderte. Die Gerechtigkeit des Himmels ist straflos, andernfalls hätte Unrecht in ihm Wirklichkeit. Ich sage es hier ganz deutlich und vielleicht für viele anstößig: 
Jede Schuld, die im anderen gesehen wird, ist ein Fehlurteil des Ego. 
Denn sie ist entstanden aus dem Glauben an die eigene Schuld. Nur das Ego ist an der Wirklichkeit von Schuld interessiert, um Unterschiede zwischen sich und anderen aufzustellen und sich selbst getrennt zu halten von allem, was draußen zu sein scheint.
Schuld ist unwirklich und nur der Schatten, der den Blick auf die Allverbundenheit
jedes mit jedem der Schöpfung verdeckt. In Wahrheit sind wir ein Geist, durch, mit
und in Gott, untrennbar in ewiger Freude. 

Darum sollten wir in jeder Lage, und sei sie noch so schlimm, Vergebung üben. Was wir sonst sehen in deiner und meiner Schuld, ist das Bild unseres Fehlglaubens, Gott habe uns von sich gewiesen. Vergebung geschieht in Dankbarkeit. Indem ich dem anderen vergeben habe, vergebe
ich mir selbst mein Fehlurteil. Und wir gehen dann gemeinsam durchs Tor der
Freiheit, weil wir uns unterschiedslos im Gleichen erkannt haben.
Dankbarkeit wird also zur Grundhaltung des erleuchteten Geistes. Er übersieht alle
Fehler, die es in der Vollkommenheit des Himmels nicht geben kann. Ist durch Vergebung die Schuld erst verschwunden, bleibt Freude und Freiheit die einzige Wirklichkeit des Menschen ewig. Der Himmel hat kein Gegenteil. 

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