Der herabgestiegene Aufsteiger ... vielleicht wundert sie eine solche scheinbare Paradoxie in der Überschrift. Ich glaube aber, dass dieser scheinbare Widerspruch eine zutreffende Charakterisierung des Lebens Jesu ist.
„Auferstanden von den Toten und aufgefahren in den Himmel" beten wir im Glaubensbekenntnis und feiern dieses Ereignis im österlichen Festkreis. Ein wirklicher Triumph Jesu, der den Tod besiegt und von der Erde aufsteigt in den Himmel. Gottes Liebe besiegt den Tod und verheißt uns ein neues Leben bei ihm. Ein wirklicher Aufstieg.
Der Aufstieg Jesu unterscheidet sich aber in einem radikal von den meisten Aufstiegen, die wir kennen. Wenn wir aufsteigen wollen, etwas werden wollen, Karriere machen wollen, gehen wir so vor, dass wir in kleinen Schritten immer weiter nach oben kommen. Vielleicht von einem Projekt in ein größeres befördert werden, immer eine Sprosse der Karriereleiter hinaufsteigen. Nur selten passiert es, dass man „ganz oben" anfängt oder von „ganz unten" sofort an die Spitze aufsteigt.
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Bei Jesus ist das anders: Bei ihm steht vor dieser Bewegung nach oben (und übrigens auch folgerichtig vor dem Artikel über Auferstehung und Himmelfahrt im Glaubensbekenntnis) eine große Abwärtsbewegung. Jesus beginnt ganz oben: Er ist der Sohn Gottes von Anfang an. Aber er bleibt nicht dort, sondern steigt herab vom Himmel auf die Erde. Gott ist es nicht genug „über den Dingen" zu stehen, sondern er möchte den Menschen so nahe sein, dass er selber Mensch wird. Der Himmel berührt die Erde. Diese Abwärtsbewegung setzt sich durch das ganze Leben Jesu hindurch fort. Er wird geboren, nicht im Palast, sondern im Stall. Er beruft nicht Gelehrte, sondern Fischer. Er beugt sich herab zu denen, die unten sind, zu den Ausgestoßenen und Sündern. Und er lässt sie nicht allein, sondern verkündet gerade
b ihnen in Wort und Tat die Liebe Gottes. Er ist sich nicht zu schade, wie ein Verbrecher hingerichtet zu werden und steigt dann, so formuliert es das Credo, hinab in das Reich des Todes. Ganz nach unten führt ihn also sein Weg vom Himmel bis in die Tiefe des Todes.
Aber gerade in diesem scheinbaren Abstieg zeigt er die andere Logik Gottes. |
Jesus ist kein Aufsteiger im üblichen Sinne, keiner, der es versteht, eine Karriere zu machen, die möglichst schnell nach oben führt. Er zeigt einen Weg des Aufstiegs, welcher der Weg zu Gott ist und der genau in die entgegengesetzte Richtung weist. Sich nach Gott ausstrecken heißt nicht, möglichst schnelles Aufstreben und schon gar nicht das egoistische Verfolgen eigener Ziele. Gott begegnet dem, der sich hinabbeugt, der echte Begegnung will und der sich nicht zu schade ist, einmal den unteren Weg zu gehen.
Aufsteigen zu Gott kann, wer einmal die Spirale von Konkurrenz und Leistung, von immer besser als andere sein zu müssen und immer selbst das Meiste zu haben, unterbricht und sich auf die Logik der schenkenden Liebe Gottes einlässt.
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Auf diese Logik einlassen kann sich nur, wer sich selbst geliebt weiß, wer weiß, das Anerkennung und geliebt werden nicht von eigenem Prestige und eigener Leistung abhängt.
Genau diese Liebe, die Gott allen Menschen schenkt, hat Jesus in seinem Leben gezeigt. Er, der sich ganz von Gott geliebt wusste, war stark genug, den Weg des vermeintlich Schwächeren zu gehen.
Ich glaube, dass der Weg Jesu uns Mut machen und befreien kann. Mut machen, einmal nicht der oder die Beste sein zu wollen. Befreien von einem oft unmenschlichen Leistungs- und Geltungszwang, unter dem viele leben müssen. Wir sind Geliebte und dürfen diese Liebe durch den Weg der Liebe Gottes, wie er uns in Jesus begegnet, leben. Werden wir wahre Aufsteiger, die auch herabsteigen können und den Mut haben, sich herunter zu beugen und so der Liebe Gottes begegnen.
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