Die Kirche St. Michael ist in ihrer
architektonischen Ausformulierung eine geradezu
singuläre Erscheinung. Noch heute spürt man den
wilhelminischen Geist in Materialität, Farbigkeit
und Proportion. Bevor es darum geht, das Verhältnis
zum Historismus, zum Jugendstil und der
architektonischen Moderne (USA) abzuwägen, geht es
im folgenden darum, die wesentlichen Daten der
Baugeschichte darzulegen:
Baugeschichte
Mit dem Plan von Stübben zur Kölner Neustadt
(Erweiterung ab 1881) wächst die Stadt von 40.000
(1820) auf 160.000 (1880) Einwohner über die alte
Begrenzung hinaus.
In der Erweiterung liegen nationaler Stolz und
Lokalpatriotismus. Davon künden die Ringnamen:
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Süd: Ubier-,
Karolinger-, Sachsen-, Salier-,
Hohenstaufen-, Habsburger-Ring. |
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Nord: Hohenzollern-,
Kaiser Wilhelm-Ring, Hansaring,
Deutscher Ring |
Der überragende Anteil für die preußischen Herrscher
fällt besonders auf. In diesem Ringabschnitt
entsteht in Verlängerung der historischen Breite-
und Ehrenstraße die Maastrichter Strasse und an der
alten Wegeverzweigung links nach Melaten/Aachener
Straße, rechts nach Ehrenfeld/Venloer Straße der
Kirchbauplatz für die Kath. Kirche St. Michael.
Deren Schauseite war von Anfang an auf die schon
1886 eingeweihte Ringstrasse bezogen, vergleichbar
St. Agnes an der Neusser Strasse. St. Michael
entsteht dabei in direkter Konkurrenz zur
evangelischen Christuskirche, die den östlichen Turm
dem Ring zuwendet.
Die parallel zur neugotischen Kirche Herz Jesu am
Zülpicher Platz gebaute erste Notkirche St. Michael
mit Pfarrhaus (Architekt Heinrich Krings) besteht
von 1894 bis 1904.
Dieser kleine Vorläuferbau, eine Basilika mit
dreiteiligem Mittelschiff (Saal), mit niedrigen
Seitenschiffen und Dachreiter, wird ganz in Ziegel
errichtet. Bei der Erbauung der neuen Kirche ab 1902
und Abbruch der Notkirche 1904 werden deren Ziegel
im Sinne einer beachtlichen Nachhaltigkeit verkauft.
St. Michael steht ganz am Ende des Historismus.
Wodurch waren die Bauaufgaben im Historismus in Köln
geprägt?
Hier lässt sich klar belegen, dass bis 1880 mit der
Vollendung des Domes eine überwältigende Aufgabe
gesetzt war. Daneben galt es, vor jedem
Kirchenneubau die in ihrer Bausubstanz seit der
Franzosenzeit stark gefährdeten, alten romanischen
Kirchen zu restaurieren (Stadtbaumeister: Weyer/Nagelschmidt).
Die größte Zäsur des 19. Jahrhunderts stellt die
Spekulationskrise um 1850 dar. Sie betrifft
allerdings noch ausschließlich die Anlage von
Innenstadtstraßen zur Erschließung von neuem Bauland
innerhalb der mittelalterlichen Mauern.
1889 wird auf dem Gebiet einer früheren
Festungslünette der Kirchbauplatz festgelegt durch
Stübben und den Kaplan von St. Gereon. Als Stifter
erscheint u.a. Peter Joseph Röckerath, der sich auch
in St. Agnes maßgeblich engagiert.
1898 verdoppelt sich die Zahl der Katholiken in der
Vorstadt von 4.000 auf 8.000.
1895 entsteht das Pfarrhaus als erstes Haus in den
Feldern westlich von St. Michael.
St. Michael 1902- 1906
1902-1906 entsteht der Kirchen-Neubau nach einem
Entwurf (1900) von Eduard Endler (1860-1932).
Die Kaisertreue und konservative Haltung im
Verhältnis zur Neugotik und zum Jugendstil (1895ff)
sowie zur Moderne (USA) ist offenkundig.
Allein die Malerei im Innern und besondere
Ausstattungsstücke der 1920iger Jahre haben diese
Ausrichtung erstmals modifiziert.
Die Zerstörungen im 2. Weltkrieg führen zu
weitreichenden Purifizierungen durch den Architekten
Karl Band. Vor allem der Verzicht auf den am
Außenbau malerischen Vierungsturm und die
Einbringung einer Segmentholzdecke deutet den Bau im
Sinne der Bauhausgedanken neu. Karl Band geht es
dabei um Vereinheitlichung der Bauteile und um
Reduktion von Materialität und Farbigkeit in
Inneren.
Reste des ursprünglich reichen Fußbodens finden sich
noch in der ehemaligen Taufkapelle im Westbau und in
den Seitenchören nördlich und südlich des
Hauptchores.
Die ursprünglichen Glasfenster sind alle zerstört.
Im Kuppeltambour waren goldgelbe Scheiben
eingebracht und die umlaufenden Fenster hatten die
Engel als Thematik. Die heutigen Fenster entstanden
1952 und 1956-60, als Betonglasfenster im Langhaus
und südlichen Querschiff (Ignaz Geitel, Biblische
Schöpfungsgeschichte). Paul Weickmann schuf 1969 die
Glasfenster im Chor.
St. Michael und die
Denkmalpflege
Abgesehen von der Erbauungszeit bis zum Ende des
Kaiserreiches erfährt St. Michael in den
Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts keine besondere
Wertschätzung mehr. Bis heute spürt man, dass diese
Kirche nicht mehr dem strengen Historismus angehört,
aber auch keinesfalls moderne Strömungen, wie den
Jugendstil um 1900, nach vorne trägt.
Obschon zweifelsfrei St. Michael heute ein
kunsthistorisches Denkmal von hohem Rang darstellt,
belegt der Umgang mit diesem Denkmal – im Sinne der
schöpferischen Denkmalpflege nach dem 2. Weltkrieg
nicht die rekonstruktive Genauigkeit, die z.B. den
alten romanischen Kirchen zuteil wurde.
Der Bautyp
St. Michael kennzeichnet ein basilikales gebundenes
System auf lateinischem Kreuz. In der
Westausrichtung St. Peter in Rom verwandt, aber auch
charakteristisch für die mittelalterlichen
Westbauvarianten, in denen die Michaelsaltäre in
ihrer Bedeutung als Seelenwäger und Geleiter im
Westen der Kirchen immer wieder auftauchten. Hier in
Köln ist es natürlich auch die Ausrichtung des
Bauplatzes auf die neue Ringstrasse und den
vollendeten Dom.
Während die Auffassung der Gliederung am Außenbau
eher flach erscheint, mit Lisenen, Bändern und
Fenstergruppen, erscheint das Formenvokabular eher
‚salisch als staufisch’, keinesfalls spätromanisch,
wie in der Literatur öfter behauptet. Die diaphane
Struktur der Wand spielt hier gerade keine Rolle.
Vielmehr sind es Großbauten wie Nivelles, Limburg a.
d. Haardt und vor allem St. Michael in Hildesheim
mit der ausgeschiedenen Vierung, die hier um 1900
vorgebracht werden. Das besondere Motiv der
gestaffelten Nebenchöre bezieht sich auf Cluny (11.
Jh.) und zugleich auf die Entwürfe Bramantes zu
Neu-St. Peter in Rom. Hier wie dort sind die
zwischen Querarm und Vorchorjoch eingefügten
Konchen streng auf das Zentrum der beherrschenden
Vierung ausgerichtet. Deren heute verlorene
Gestalt wurde geprägt durch eine lichte Kuppel,
deren Tambour mit den seitlichen Zwickeln auch am
Außenbau deutlich ablesbar war.
Die Dächer von Kuppel und Vierungszwickeln waren im
Gegensatz zum Langhaus Bleigedeckt.
Am Außenbau fallen als Besonderheit über der
Zweiturmfassade steinerne Pyramidendächer auf den
Türmen auf. Damit ist Materialvielfalt außen und
innen hervorstechendes Gestaltungsprinzip. Nicht
Vereinheitlichung, sondern Diversifizierung der
Flächen und Gliederungen bei sichtbarer Addition der
Baukörper. Hier äußert sich in kalter Pracht
zugleich das Wilhelminische (vgl. Gedächtniskirche
Berlin).
Die Kölner Kirchen bieten die ersten Anhaltspunkte
für neoromanische Anleihen. Die Verbindung von
Basilika und Kuppel ist leicht auf St. Aposteln zu
beziehen, die repräsentative Zweiturmfassade auf
St. Gereon, dort allerdings mit zwischengeschaltetem
Etagenchor. Der Stützenwechsel im Inneren bezieht
sich auf St. Georg, das zweigeschossige Portal ist
italienisch beeinflusst (Verona, San Zeno).
Vor allem aber ist es auch der salische Kaiserdom in
Speyer, der mit einer ungeheuren Weite die
ungewöhnlichen Proportionen für das Mittelschiff
von St. Michael bereithält (1:2/1:4).
Vor allem der gelbrote Steinwechsel und die Stufung
der Wand, die hier in Speyer neu erfunden wird,
lassen unwillkürlich diesen Bau des 11. Jahrhunderts
vor Augen erscheinen. Das gebundene System wird in
moderner Anmutung umgesetzt. Den zwei Kreuzgrat
gewölbten Jochen der Seitenschiffe entspricht im
Mittelschiff zwar eine achsiale Fensterausrichtung
mit Dreifenstergruppe die Deckung ist allerdings
eine Längstonne.
Der Grundriß
Ein zentrales Doppelportal führt in den Westbau. In
den Türmen befinden sich Portale zu den
Seitenschiffen, die allein als Verkehrswege dienen
und auf die äußeren Seitenchöre der Engel zulaufen.
Anders als heute prägten die Kanzel am
Südost-Vierungspfeiler und die Bestuhlung bis zur
Westgrenze der Vierung (Kinderplätze) den
Mittelraum.
Eine Erweiterung des Kuppelraumes nach Westen durch
die Nebenchöre, die den Diagonalachsen zugeordnet
sind, charakterisiert die Weite des
Zentralbaukörpers entscheidend.
Die Seiteneingänge im Winkel zwischen Langhaus und
Querraum führten mit direktem Zugang ursprünglich
ins Seitenschiff. Im vierten Fensterjoch von Osten
stand je ein Beichtstuhl, ebenso ursprünglich hinter
den Bänken in den Querarmen.
Longitudinal- und Zentralbaugedanken werden in
diesem Kirchenbau konsequent verschmolzen. Um 1900
bezieht man sich hier auf Ideen der Romanik und der
Renaissance, wobei die Kapellenaltäre im Dekagon von
St. Gereon bildprägend gewesen sein dürften. Die
Ausnischung der Apsis ist eher annonisch
(vgl. St. Georg, 11. Jh.) und keinesfalls
spätromanisch zu deuten.
Taufkapelle und Ausstattung
Von der Ausstattung haben sich trotz der
Kriegszerstörungen bedeutende Stücke erhalten wie
der Taufstein von 1894 aus der neugotischen Kirche,
heute aufgestellt seit den 1950iger Jahren in einer
zentral gelegenen Eintiefung im Eingangsbereich des
Westbaues.
Von der liturgischen Ausstattung der wilhelminisch
geprägten Kirche hat sich ein Chorlesepult aus Holz
im nördlichen Seitenchor, nach Entwurf von Endler
erhalten, sowie ein weißer Festornat in der
Sakristei um 1906, bestehend aus zwei Dalmatiken
und einer Kasel im Stil einer neuromanische
Bassgeige.
Schon die Wahl dieses Paramentenschnittes mit den
gestickten Darstellungen des Erzengels Michael,
bewußt gesetzt gegen die Kunstströmung der
Neugotiker, deren Anhängerschaft in Köln besonders
groß war, lässt klar erkennen, welche auch national
gesetzten Anklänge in diesem Kirchenbau zu Ehren des
Hl. Michael, des Patrons der Deutschen, wirksam
werden sollten.
Hier hat sich in der Architektur und Ausstattung
ganz im preussischen Geist ein Kirchenbau als
sprechendes Gesamtkunstwerk mit großer Qualität und
Strahlkraft erhalten, dass in seiner
außerordentlichen Bedeutung und Zeitgebundenheit
erst heute, über 100 Jahre nach seiner Entstehung,
erstmals unvoreingenommen wahrgenommen und neu
gewürdigt werden kann.
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