|
Beteiligt
sind aber nicht, wie sonst üblich,
stadtbekannte Rauf- und Trunkenbolde,
Kleinkriminelle und Müßiggänger, sondern
Soldaten und Polizisten, die mit ihren
Hellebarden auf die Kanoniker von St. Gereon
einprügeln. Die allerdings mischen tüchtig
mit - und der Scholaster Robert von
Hillebring benutzt gar das Kreuz, das den
Kanonikern vorangetragen worden ist, als
Waffe, die er wie ein Schwert kreisen lässt.
Als er aus
dem Kampfgetümmel heraus dem Notar des
Stifts zuruft, die Exkommunikation zu
protokollieren, gibt es großes Gelächter
unter den städtischen Ordnungshütern, groben
Gesellen, denen es offensichtlich Spaß
macht, den geistlichen Herren den Hintern zu
versohlen. Sie drängen den Scholaster
schließlich gegen eine Mauer. „Laut
protestierend", so ein Berichterstatter,
„zogen die Stiftsherren ab."
Platz mit Tränke
Die
Schlägerei am 2. Januar anno 1646 war das
Tagesgespräch in der freien Reichsstadt
Köln. Hintergrund des ungewöhnlichen
Zusammenstoßes bildete ein damals schon
lange währender Streit zwischen der Stadt
und dem Stift St. Gereon um den
Gereonsdriesch. Nach Ansicht der Kanoniker
gehörte der Platz zur „Immunität" (oder der
„Freiheit") ihres Stifts, ein Anspruch,
welchen der Kölner Rat mit großer
Beharrlichkeit nicht anerkannte.
Auf dem
Driesch (was so viel bedeutet wie Brachland,
oft als Weide genutzt) befand sich eine
Tränke, die durch einen Kanal vom
Stiftsgelände her gespeist wurde, über den
Kanal führte ein Weg. Als der Kanal
schadhaft wurde, schickte die Stadt
Arbeiter, die die Ausbesserung vornehmen und
gleichzeitig demonstrieren sollten, dass es
sich um öffentliches Gelände handelte.
Vergeblicher Protest
Die
Stiftsherren protestierten vergeblich - und
sprachen schließlich die Exkommunikation
gegen die Arbeiter und ihre Auftraggeber
aus. Das war der Zeitpunkt, als die „weisen
und ehrsamen Herren" des Rats den Einsatz
bewaffneter Kräfte anordneten. Büttel im
Dienst der Obrigkeit rissen dann auch eine
Mauer nieder, die den Driesch von der
Gereonstraße abschloss.
Als
Reaktion auf die städtische Gewalttat
verfasste Hillebring eine heftig anklagende
Schrift, in der penibel Privilegien und
Besitzstände des Stifts aufgelistet waren.
Der Rat wiederum ließ die Schrift
beschlagnahmen - und zum Zeichen der
Nichtachtung unter einem Galgen verbrennen.
Ein
Exemplar der Streitschrift (von der nur ganz
wenige Ausgaben erhalten sind) ist in diesen
Tagen wieder aufgetaucht. „Als wir unsere
Sakristei leer räumten, fanden wir das Heft,
versteckt zwischen liturgischer Literatur",
erzählt Andreas Brocke, Pfarrer an St.
Gereon.
Im
Historischen Archiv des Erzbistums Köln hat
der Fund große Freude ausgelöst. „Die
Schrift ist ein einzigartiges Dokument",
sagt Archivar Joachim Oepen, „sie belegt
nicht zuletzt die Bestrebungen der Kölner
Stifte und Klöster, den Bestand ihrer
Immunitäten nach Möglichkeit zu wahren. "Auf
dem Titelbild der Streitschrift sind die hl.
Helena (l.) sowie Gereon und die Märtyrer
der Thebäischen Legion (über der Kirche)
abgebildet.
Für die Obrigkeit waren die zahlreichen
Immunitäten im Stadtgebiet ein rotes Tuch:
Stifte und Klöster hatten ihre eigene
Gerichtsbarkeit, sie waren sozusagen
„exterritorial", kein städtischer
Bediensteter durfte ihre Grundstücke
betreten. Die geistlichen Gemeinschaften
waren nicht steuerpflichtig, sie durften
zollfrei Wein und Getreide von ihren
ausgedehnten Besitzungen außerhalb Kölns
einführen, sie verdienten Geld mit dem
Ausschank eigenen Weins, sie deckten nicht
selten Schiebungen Kölner Händler, die die
Zollfreiheit des Stiftweins ausnutzten — und
sie beschäftigten „Schwarzarbeiter", vor
allem Schuster und Schneider, die ebenfalls
keine Steuern zahlten.
St. Gereon
war im Mittelalter und in der frühen Neuzeit
nach dem Dom das vornehmste Stift in Köln,
neben den Domkapiteln von Köln und Straßburg
das einzige männliche Adelsstift am Rhein.
Das heißt: Mitglied im Stiftskapitel durften
nur Angehörige des Adels werden.
Adelige
Tradition
Die
Stiftsherren waren daher von ihrem Vorrang
tief durchdrungen und beriefen sich auf die
vermeintliche Stiftsgründerin Helena, die
Mutter Kaiser Konstantins, und die adelige
Tradition seit der Merowingerzeit, als St.
Gereon Hofkirche fränkischer Könige war.
Auch im Verhältnis zur Stadt gab man sich
selbstbewusst, und so kam es immer wieder zu
Auseinandersetzungen
um Steuer-
und Zollfreiheit- und um die Immunität.
Ein
Höhepunkt war zweifellos die Schlägerei auf
dem Gereonsdriesch; ein Streit um den Platz
sollte sich bis 1786 hinziehen, dann
verzichtete das Stift auf die Rechte.
Die
Vorgänge des Jahres 1646 haben für Andreas
Brocke, den heutigen Pfarrer, Parallelen zur
Gegenwart. Auch heute gibt es ja Krach
zwischen St. Gereon und der Stadt — bislang
allerdings ohne Tätlichkeiten. Es geht um
die Pläne der Frankonia Eurobau zur
Neugestaltung des Gerling-Areals, die nach
Auffassung einer Bürgerinitiative das
direkte Umfeld von St. Gereon „massiv"
gefährdeten.
Was
Brocke ziemlich stört
„Das
Gerling-Areal ist schließlich Teil des
Gereonsviertel - und nicht umgekehrt."
Zudem versteht er nicht, dass die Stadt sich
nicht an das Höhenkonzept hält, das sie
selbst beschlossen hat. „Die geplanten Höhen
der Bauten auf der Christophstraße sind mit
der stadtbildprägenden Wirkung des Dekagons
unserer Kirche unverträglich - St. Gereon
als ein einzigartiges Bauwerk verlangt eine
respektvolle Nachbarbebauung."
Einen
Unterschied zu 1644 hebt Brocke indessen
hervor: „Damals haben die Kanoniker nur
ihre Interessen vertreten — heute
vertreten wir unsere, damit aber auch die
Interessen der Bürger des Viertels, während
die Stadt einzig die Interessen des
Investors wahrnimmt."
(...mehr) Archive NRW - Bestände
|