Der Kölner Stadtanzeiger berichtet am Dienstag, 18. Juli 2001

Georg Meistermann
Lichte Rhythmen
Kirchenfenster-Entwürfe in Solingen

von Jiri Hezky

Die 45 Glasfenster in der romanischen Kirche St. Gereon in Köln, um 1984 entstanden, betrachtete Georg Meistermann als sein „künstlerisches Testament". Folgerichtig bilden einige Entwürfe zu diesen Arbeiten den Rahmen einer Ausstellung, die das Museum Baden in Solingen zum 90. Geburtstags des Künstlers ausrichtet.
In der bergischen Stadt wurde der Künstler 1911 geboren, er starb am 
12. Juni 1990 in seiner Kölner Wohnung. Die Ausstellung mit 29 Entwurf-Kartons und einem Glasfenster gibt einen konzentrierten Überblick über Meistermanns Glasfenster, neben Gemälden und Druckgrafiken sein dritter Arbeitsschwerpunkt. In seinen Glasfenstem verwirklichte Meistermann die Grundlagen seines Lebens: ein Künstler, der Gott dient.
Von den Nazis mit Ausstellungsverbot belegt, rührte er nach 1945 als Erster in Deutschland eine abstrahierende Formensprache in den sakralen Raum ein. Seine „Auferstehung Christ", 1949 für St. Markus in Wittlich, zeigt einen muskulösen, dynamischen Mann. Erst nach zweitägiger Prüfung durch den zuständigen Prälat gab dieser ihn mit der Bemerkung frei, er habe „seit Ravenna" nichts Besseres gesehen. 
Schon hier zeigt sich Meistermanns Meisterschaft: das Spiel mit dem Rhythmus von großen und kleinen Glasflächen, vorgegeben durch das Raster der tragenden Bleirahmen, verdichtet durch gezeichnete Striche: Wie kristalline Strukturen oder geologische Formationen strukturieren sie das Bild im Wechsel von Ruhe und Bewegung. „Weißes", durchsichtiges Glas erlaubt dem 'Licht, von außen nach innen zu dringen; mit Farben von äußerster Leuchtkraft, vor allem aber mit Grautönen, sperrt Meistermann es eher wie durch eine dünne Mauer aus.
Immer kalkuliert er die Wirkung der unterschiedlichen Tageszeiten ein. Bisweilen verzichtet er - wie bei der Klosterkirche von Maria Laach - fast ganz auf Farben, setzt ganz auf die Wirkung von schwarzen Linien, durchsichtigem Glas und klaren Formen. Bei vielen Glasfenstern - Meistermann arbeitete für rund 70 Kirchen, katholische und evangelische, dazu für viele private Auftraggeber - stören von der Statik vorgegebene Streben den durchgehenden Linienfluss, 
In späteren Arbeiten schafft er sich seine eigenen Streben, die seinem Willen folgen. Frappierend ist die Entwicklung Meistermanns. Da sind die Entwürfe aus dem Jahr 1954 für die evangelische Feldkirche in Neuwied-Wollendorf: Ganz im Zeitgeist des Nierentischs nutzt der Künstler geschwungene Linien, um die Fläche zu gliedern und Trauben und Gläser, Korb und Ähren darin einzubetten.
Im Vergleich zu dieser dekorativen, strengen Komposition, gehalten in Pastelltönen, ein Entwurf aus den frühen 80er Jahren: Frei und locker hebt sich das Efeublatt vom Hintergrund ab, es scheint im Wind zu vibrieren, die Farbe ist nicht mehr flächig, sondern höchst differenziert gestaltet. Gegenläufig die Entwicklung bei einem anderen Motiv. Äußerst dynamisch zeichnet Meistermann 1954 für das Alte Rathaus in Wittlich den apokalyptischen „Hunger"-Reiter in die Landschaft, die Linien geben dem Bild eine große Tiefe.

Durch Linien gebändigt
Anders 30 Jahre später beim Fenster für St. Gereon: Streng und voll gespannter Aufmerksamkeit und höchster Konzentration, durch Linien gebändigt, steht der „Hunger" mit seinem Pferd, die Waage in der Hand über Ähren und Trauben. Die farbliche Sparsamkeit hier kontrastiert vor allem zu der der Chorfenster - zu sehen sind die Entwürfe zum „Heilig-Geist-Fenster", zu „Empfangende Maria - Mutter Gottes" und „Verkündigungsengel St. Gabriel": Mit Weiß werden sparsame Akzente gesetzt, sonst dominieren dunkle Töne, die Würde und Erhabenheit der Kirche betonen. Auf vielen Kartons werden die Farben nur durch Zahlen benannt, für den Betrachter nicht nachvollziehbar. Meistermann allerdings wusste die „Bestellnummern" mit der Farbe zu verbinden:
In den Kriegsjahren war er für ein Jahr erblindet und konnte die Bilder allein in seiner Vorstellungskraft erschaffen.

Georg Meistermann, Museum Baden, Solingen-Gräfrath, 
Wuppertaler Str. 160, bis 19. August, Di-So 10-17 h.
Mit der Bahn bis Wuppertal-Vohwinkel, weiter mit dem Trolley-Bus bis Solingen-Gräfrath.


Presseberichteübersicht  Pressebericht 17. Juli 2001
Pastor@stgereon.de
Last Update: 21.06.08 11:45
Startseite  Email: Webmaster  Pfarramt@stgereon.de
Wir freuen uns über Ihre Email