Der Kölner Stadtanzeiger berichtet am Montag, 14. Oktober 2002

Kuppel über goldenen Heiligen
 
Vermutlich war St. Gereon früher ein Mausoleum - Neue Erkenntnisse

Der spätantike Vorgängerbau der Kirche St. Gereon war höchstwahrscheinlich mit einer imposanten Kuppel gedeckt - das haben bauhistorische und statische Forschungen ergeben.

VON CARL DIETMAR

Eines der bedeutendsten Bauwerke nördlich der Alpen.

 OTMAR SCHWAB

„Zwischen diesen Buchdeckeln ist die Geschichte einer nun 42-jährigen Beziehung versteckt." Otmar Schwab lacht verschmitzt, als er seine Dissertation zeigt. In ein paar Wochen wird er 70 Jahre alt - und vor kurzem hat er „seinen" Doktor gemacht, mit einer Untersuchung über St. Gereon bzw. den spätantiken Gründungsbau der Kirche. Der Diplom-Ingenieur hat seit 1960 mit St. Gereon zu tun, damals war er in die Firma des Statikers Wilhelm Schorn eingetreten, die für den Wiederaufbau der romanischen Kirchen verantwortlich zeichnete.

„Schorns Büro lag gleich um die Ecke -und deshalb war ich in St. Gereon so oft wie in keiner anderen Kirche." Seit einigen Jahren hat sich Schwab dann ganz auf Kölns vermutlich älteste Kirche konzentriert, die - so will es die fromme Legende - von der 
hl. Helena, der Mutter Kaiser Konstantins des Großen, im ersten Drittel des 
4. Jahrhunderts gegründet worden war. 

Schwab weist darauf hin, dass man schon lange von dieser Vorstellung Abstand genommen habe, seit sich im Fundament des spätantiken Baus eine
  Münze gefunden hat, die nach dem Jahr 348 n. Chr., also lange nach dem Tod Helenas geprägt worden ist. Wer den Bau in der zweiten Hälfte des 4, Jahrhunderts dann  tatsächlich errichten ließ (und warum), weiß auch Schwab nicht. „Wahrscheinlich war es keine Kirche, sondern ein Mausoleum", sagt er - es ließe sich auch nur spekulieren, wer in diesem Mausoleum begraben war: „Man vermutet, ein römischer Heerführer oder ein Angehöriger des Kaiserhauses."

Nach den schweren Zerstörungen, die St. Gereon im Zweiten Weltkrieg erlitten hatte, war es immerhin möglich gewesen, die erhaltene Substanz des spätantiken Bauwerks, das an einigen Stellen auch heute noch zu sehen ist, archäologisch und bauhistorisch zu untersuchen; in staufischer Zeit war der Ovalbau - wie eine kostbare Reliquie - mit neuem Mauerwerk „ummantelt" worden und zu der Kirche umgebaut worden, die, nicht zuletzt mit Blick auf das berühmte Dekagon, auch heute noch als die bedeutendste Kölner Kirche gilt, nach dem Dom selbstverständlich.

Bei den statischen und konstruktiven Berechnungen, die Schwab in jüngster Zeit durchführte, stellte er fest, dass die 1949/50 vorgeschlagene Rekonstruktion des antiken Baus nicht mit seinen Befunden übereinstimmte. „Hier musste also einiges überprüft und gegebenenfalls korrigiert werden - das war letztlich der Anlass, in meinem Alter noch eine Dissertation zuschreiben."

Schwab überprüfte das römische Mauerwerk - und stellte fest, dass wesentlich mehr spätantike Bausubstanz erhalten ist als bisher angenommen, „bis in eine Höhe von 14,5 Meter". Dabei ergab sich vor allem die Frage nach dem oberen Bauabschluss, bislang hatte man angenommen, dass ein Dachstuhl den Ovalbau krönte. „Das Mauerwerk wies im oberen Bereich aber eine zunehmende Schiefstellung, wie wir sagen, auf, d. h., es wich nach außen hin aus -und das lässt auf eine Kuppel schließen." Das war das wichtigste Ergebnis seiner Untersuchung, in der bauhistorische und statischkonstruktive Methoden gekoppelt waren. Die Kuppel, deren Horizontalkräfte die „Ausweichung" der Wandzone über den Konchen (die Tambour oder Obergaden genannt wird) bewirkte, war wahrscheinlich aus leichtem Material gebaut, etwa 30 Zentimeter dick und in ihrem Scheitel vermutlich 23,54 Meter hoch. Auch die Fenstergliederung

des Tambours konnte Schwab eindeutig klären: Über den Konchen waren große Fenster angeordnet - so wie bei spätantiken Zentralbauten in Rom.

Mit der imposanten Kuppel und seinem ovalen Grundriss gehörte das Gebäude - „das immerhin", so Schwab, „lässt sich mit Gewissheit sagen" - zu den bedeutendsten spätantiken Bauwerken, die nördlich der Alpen errichtet worden sind. Es war ein Bauwerk, „das der höchsten Kategorie römisch-kaiserlicher Architektur zuzuordnen ist".

Aus fränkischer Zeit (5. bis 10. Jahrhundert) ist dann überliefert, dass das mittlerweile zu einer Kirche umfunktionierte Gebäude wegen seiner glänzenden Ausstattung „ad aureos Sanctos" (zu den goldenen Heiligen) genannt wurde; auf dem Platz der Kirche sollen der hl. Gereon und seine 318 Gefährten der Thebäischen Legion ihr Martyrium erlitten haben - so eine Legende, die im Laufe der Jahrhunderte immer mehr ausgeschmückt wurde. Und wo war das viel gepriesene Gold verbaut? „Wahrscheinlich hatte man die Kuppel innen mit Goldmosaik bestückt", glaubt Schwab. Seine Doktorarbeit befindet sich zurzeit im Druck,;sie wird im nächsten Jahr erscheinen. 


Dem Pfarrer von St. Gereon, Dechant Karl-Josef Daverkausen, hat Schwab schon mal Einblicke in sein Manuskript gewährt. Für Daverkausen ist die Schwab'sche Arbeit eine Bestätigung dessen, was er schon immer wusste: 
„St. Gereon ist die schönste Kirche Kölns."

Presseberichteübersicht Pressebericht vom 21.05.2002

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Last Update: 21.06.08 11:45 

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