| Der spätantike Vorgängerbau der Kirche St.
Gereon war höchstwahrscheinlich mit einer imposanten Kuppel gedeckt - das
haben bauhistorische und statische Forschungen ergeben.
VON CARL DIETMAR
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Eines der
bedeutendsten Bauwerke nördlich der Alpen.
OTMAR SCHWAB |
„Zwischen diesen Buchdeckeln ist die
Geschichte einer nun 42-jährigen Beziehung versteckt." Otmar Schwab
lacht verschmitzt, als er seine Dissertation zeigt. In ein paar Wochen wird er
70 Jahre alt - und vor kurzem hat er „seinen" Doktor gemacht, mit einer
Untersuchung über St. Gereon bzw. den spätantiken Gründungsbau der Kirche.
Der Diplom-Ingenieur hat seit 1960 mit St. Gereon zu tun, damals war er in die
Firma des Statikers Wilhelm Schorn eingetreten, die für den Wiederaufbau der
romanischen Kirchen verantwortlich zeichnete.
„Schorns Büro lag gleich um die Ecke -und
deshalb war ich in St. Gereon so oft wie in keiner anderen Kirche." Seit
einigen Jahren hat sich Schwab dann ganz auf Kölns vermutlich älteste Kirche
konzentriert, die - so will es die fromme Legende - von der
hl. Helena, der Mutter Kaiser Konstantins des Großen, im ersten Drittel
des
4. Jahrhunderts gegründet worden war.
Schwab weist darauf hin, dass man schon lange von dieser Vorstellung Abstand
genommen habe, seit sich im Fundament des spätantiken Baus eine Münze
gefunden hat, die nach dem Jahr 348 n. Chr., also lange nach dem Tod Helenas
geprägt worden ist. Wer den Bau in der zweiten Hälfte des 4, Jahrhunderts
dann tatsächlich errichten ließ (und warum), weiß auch Schwab nicht.
„Wahrscheinlich war es keine Kirche, sondern ein Mausoleum", sagt er -
es ließe sich auch nur spekulieren, wer in diesem Mausoleum begraben war: „Man
vermutet, ein römischer Heerführer oder ein Angehöriger des
Kaiserhauses."
Nach den schweren Zerstörungen, die St. Gereon
im Zweiten Weltkrieg erlitten hatte, war es immerhin möglich gewesen, die
erhaltene Substanz des spätantiken Bauwerks, das an einigen Stellen auch
heute noch zu sehen ist, archäologisch und bauhistorisch zu untersuchen; in
staufischer Zeit war der Ovalbau - wie eine kostbare Reliquie - mit neuem
Mauerwerk „ummantelt" worden und zu der Kirche umgebaut worden, die,
nicht zuletzt mit Blick auf das berühmte Dekagon, auch heute noch als die
bedeutendste Kölner Kirche gilt, nach dem Dom selbstverständlich.
Bei den statischen und konstruktiven
Berechnungen, die Schwab in jüngster Zeit durchführte, stellte er fest,
dass die 1949/50 vorgeschlagene Rekonstruktion des antiken Baus nicht mit seinen
Befunden übereinstimmte. „Hier musste also einiges überprüft und
gegebenenfalls korrigiert werden - das war letztlich der Anlass, in meinem
Alter noch eine Dissertation zuschreiben."
Schwab überprüfte das römische Mauerwerk -
und stellte fest, dass wesentlich mehr spätantike Bausubstanz erhalten ist
als bisher angenommen, „bis in eine Höhe von 14,5 Meter". Dabei ergab
sich vor allem die Frage nach dem oberen Bauabschluss, bislang hatte man
angenommen, dass ein Dachstuhl den Ovalbau krönte. „Das Mauerwerk wies im
oberen Bereich aber eine zunehmende Schiefstellung, wie wir sagen, auf, d. h.,
es wich nach außen hin aus -und das lässt auf eine Kuppel schließen."
Das war das wichtigste Ergebnis seiner Untersuchung, in der bauhistorische und
statischkonstruktive Methoden gekoppelt waren. Die Kuppel, deren
Horizontalkräfte die „Ausweichung" der Wandzone über den Konchen (die
Tambour oder Obergaden genannt wird) bewirkte, war wahrscheinlich aus leichtem
Material gebaut, etwa 30 Zentimeter dick und in ihrem Scheitel vermutlich
23,54 Meter hoch. Auch die Fenstergliederung
des Tambours konnte Schwab eindeutig klären:
Über den Konchen waren große Fenster angeordnet - so wie bei spätantiken
Zentralbauten in Rom.
Mit der imposanten Kuppel und seinem ovalen
Grundriss gehörte das Gebäude - „das immerhin", so Schwab, „lässt
sich mit Gewissheit sagen" - zu den bedeutendsten spätantiken Bauwerken,
die nördlich der Alpen errichtet worden sind. Es war ein Bauwerk, „das der
höchsten Kategorie römisch-kaiserlicher Architektur zuzuordnen ist".
Aus fränkischer Zeit (5. bis 10. Jahrhundert)
ist dann überliefert, dass das mittlerweile zu einer Kirche umfunktionierte
Gebäude wegen seiner glänzenden Ausstattung „ad aureos Sanctos" (zu
den goldenen Heiligen) genannt wurde; auf dem Platz der Kirche sollen der hl.
Gereon und seine 318 Gefährten der Thebäischen Legion ihr Martyrium erlitten
haben - so eine Legende, die im Laufe der Jahrhunderte immer mehr
ausgeschmückt wurde. Und wo war das viel gepriesene Gold verbaut? „Wahrscheinlich
hatte man die Kuppel innen mit Goldmosaik bestückt", glaubt Schwab.
Seine Doktorarbeit befindet sich zurzeit im Druck,;sie wird im nächsten Jahr
erscheinen. |