Der Heimatverein Alt-Köln berichtet in seiner Ausgabe Heft 21 vom Mai 2002 wie folgt:



Die Blutsäule von St. Gereon 
von Heribert. A. Hilgers.


In der heutigen Pfarrkirche St. Gereon steht in einer über drei Meter hohen Nische links vom Eingang zum Kirchenraum der untere Teil einer Säule. Beigegeben ist ihr eine lateinische Inschrift mit folgendem Wortlaut:
Adde fidem, fuit hic pridem fusus cruor idem 
ad lapidem, si dem me male, punit idem
1'.
Eine alte Übersetzung, die die Binnenreime wiederzugeben versucht, lautet:
Glaub es: 
rein an diesem Stein soll einst das Blut
geflossen sein. 
Sollt ich schuldig sein, so ist hier die Strafe mein
2'.
Zerbrochen ist die Säule seit 17943': Sie sollte von den französischen Revolutionstruppen nach Paris verbracht werden, zerbrach aber auf dem Transport und wurde als nunmehr wertlos in einem Wald bei Brauweiler, nach anderer Version bei Bergheim4', am Wege zurückgelassen. Der Stumpf wurde in die Kirche zurückgebracht5'; die Spuren der Bruchstücke des oberen Teils haben sich mit der Zeit verloren; 
eines soll in die
Sammlung von Ferdinand Franz Wallraf gelangt sein. -

Die Nische befindet sich an dieser Stelle seit dem Neubau von 1219. Der Säule muss damals schon so große Bedeutung zugekommen sein, dass man sie hier aufstellte, wo sie keinerlei stützende Funktion hatte. Manches spricht dafür, dass ihr früherer Standort in der Vorhalle war, der Gerichtshalle des Stiftsbezirks. Die Inschrift besagt, dass die Säule als Stätte eines Gottesurteils galt: Wer eine Blutschuld auf sich geladen hatte,
trat vor diese Säule und erwartete seine Strafe oder seine Rehabilitation. Das wissen wir aus mehreren historischen Quellen, ebenso, dass Verdächtigte »bei der schrecklichen Säule von St. Gereon, die weder in Rom noch in Jerusalem ihresgleichen hat«, ihre Unschuld beschworen. Die Frage, wie die Säule zu diesem weit über Köln hinausreichenden Ruf kam, wird verschieden beantwortet. 
Gemeinsam ist den Erklärungen das, was, wenn auch einigermaßen vage, im ersten Teil der Inschrift ausgesagt ist: An diesem Stein, diesem Gebilde aus Stein, ist einstmals eben jenes Blut geflossen. 
Welches Blut? Wessen Blut? 
Naheliegend war, dass man an die Soldaten der Kölner Abteilung der Thebäischen Legion und ihren Anführer Gereon dachte, denen die Kirche geweiht war. So wurde erzählt, dass die Säule bei deren Hinrichtung mit dem Blut der Märtyrer bespritzt worden sei6'
Eine noch frömmere Deutung wurde dadurch möglich, dass man die Gründung der ersten Kirche an dieser Stelle mit St. Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, in Verbindung brachte. Sie soll die Säule, an der Jesus gegeißelt worden ist, aus Jerusalem nach Köln gebracht haben7'; auf diese Säule traf dann wahrlich zu, dass es ihresgleichen nicht gab in Rom und in Jerusalem. 
Schließlich stellte die Sage die Verbindung her mit dem plötzlichen Tod Theuderichs II., eines der merowingischen Teilkönige aus der Zeit nach Chlodwig, der, nachdem er seinen Bruder Theudebert und dessen Söhnchen hatte ermorden lassen, bei einem Besuch von St. Gereon auf geheimnisvolle Weise ums Leben gekommen war8'
In dieser Sage, so wie wir sie kennen, galt freilich die Säule schon von Anfang an als »die Schreckliche«, der sich der König aber trotz mehrerer Warnungen herausfordernd entgegenstellte. Die Sage gibt also keine Begründung, sondern nur einen Beweis für die »Schrecklichkeit« der Säule.
Historisch ist die Rivalität zwischen Theudebert II. und Theuderich II., die sich aus der Erbteilung nach dem Tode Childeberts II. ergeben hatte. Nach einigen gemeinsamen politisch-militärischen Unternehmungen zwang Theudebert den Bruder 610 gewaltsam zur Herausgabe eines Teils seiner Länder, dieser nutzte bald darauf die Tatsache, dass Theudebert durch kriegerische Auseinandersetzungen mit den Awaren (611) geschwächt war, zu Siegen bei Toul und Zülpich (612), nahm den Bruder gefangen, tötete ihn samt seinen Söhnen und ließ sich in Köln huldigen. Kurz danach, erst 25-jährig, »hauchte er in seinen Sünden sein ungerechtes Leben aus«, wie ein früher fränkischer Geschichtsschreiber formuliert9'.

Diese Sage jedenfalls hat Georg Barthel Roth aufgegriffen und in einer Ballade gestaltet, die er 1900 bei den »Kölner Blumenspielen« vortrug. Roth war am 13. Mai 1871 in Köln geboren, hatte Rechtswissenschaft studiert und amtierte seit 1902 als Rechtsanwalt und Notar, zunächst in Neumagen an der Mosel, dann in Neuss, seit 1913 wieder in Köln. Er gehörte zu den Initiatoren der »Literarischen Gesellschaft« in Köln und wurde bei den von Hofrat Johannes Fastenrath begründeten »Kölner Blumenspielen« mehrfach preisgekrönt. In späteren Jahren wurde er wegen Unterschlagung von Mündelgeldern angeklagt und verurteilt. Sein Todesdatum ist unbekannt. - Seit 1891 hatte er »vaterländische Lyrik« und Festspieltexte veröffentlicht, wobei er sich insbesondere als Verehrer Bismarcks hervortat10'. Heribert A. Hilgers

  1. Die Kunstdenkmäler der Stadt Köln, hg. v. Paul Clemen. Die kirchlichen Denkmäler ... 
    (Band II): St. Gereon u. a., bearbeitet von Hugo Rathgens, 1911, S. 27. 
    Abweichend bei Goswin P. Gath, Kölner Sagen, Legenden und Geschichten, 1939, S. 44.

  2. Gertie Gretz und Otto Koch, St. Gereon zu Köln, 1939, S. 88 (ich habe ein Komma umgestellt)
    Auch in diesem Fall weicht der Text bei Gath leicht ab. 

  3. So nach Rathgens S. 27; nach Gath S. 44 fand die Verschleppung 1795, nach Gretz/Koch S. 97 
    unter Napoleon statt.

  4. Brauweiler laut Gretz/Koch S. 97, Bergheim nach Rathgens S. 27. 

  5. Aus der Darstellung bei Rathgens und bei Gath muss man folgern, dass damals die Nische leer war; 
    bei Gretz/Koch ist sie mit der Säule abgebildet. 

  6. Rathgens S. 27 f., Gretz/Koch S. 88. 

  7. Gath S. 43. 

  8. Rathgens S. 16, S. 27; Gath S. 42, S. 293. 

  9. Lexikon des Mittelalters, Band VIII, 1997, Sp. 686 und 687. 

  10. Kölner Autoren-Lexikon Band I, 2000, S. 193 f.

Presseberichteübersicht  Kirchenzeitung 5. Oktober  2001 
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Last Update: 21.06.08 11:45 H. Wolfgarten
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