Kunsttherapeutische Arbeit mit Flüchtlingen
- Hintergründe zur Ausstellung "Ich bleib immer ich" -

Nicht immer können Worte ausdrücken, was ein Mensch für Erfahrungen, Gedanken und Gefühle, was er für Ängste und innere Wunden, und was er an Hoffnungen, Wünschen und Sehnsüchten in sich trägt.
Dies gilt insbesondere für Menschen, die schwere Traumata erlitten haben, indem sie z.B. Krieg, Folter, Flucht und Entwurzelung, den Verlust geliebter Menschen und den Verlust ihrer Heimat erleben mussten - Menschen, die aus unterschiedlichsten Kriegs- und Krisengebieten der Welt z.B. nach Deutschland kommen, auf der Flucht vor Tod und Zerstörung, auf der Suche nach Schutz und Sicherheit.

Diese Flüchtlinge leiden häufig unter einer Sprachlosigkeit, die verschiedene Ursachen haben kann. Zum einen sind es sprachliche Probleme - wie soll ich einem Menschen, der meine Sprache nicht versteht, vermitteln, was in mir vorgeht? Dann die Frage des Gegenübers - hat mein Gesprächspartner überhaupt die Geduld und die Kraft, meine Erfahrungen zu teilen - kann ich ihm meine Erlebnisse zumuten? 
Vielleicht der wichtigste Grund für diese Sprachlosigkeit ist die Tatsache, dass viele Erlebnisse von Menschen in Kriegs- und Verfolgungssituationen so weit außerhalb der üblichen menschlichen Erfahrung liegen, dass Worte nicht ausreichen, um das Erlebte zu beschreiben.

Ein Weg, diese Sprachlosigkeit zu überwinden, eine neue gemeinsame Sprache zu finden und Begegnung und Kommunikation wieder möglich zu machen, ist der gemeinsame künstlerische, kreative Prozess. 

Jede Kultur kennt Kunst als eine Form menschlichen Ausdrucks. Kunst ist kulturunabhängig und kulturübergreifend, sie überwindet Grenzen spielerisch und mit Leichtigkeit.

Im Rahmen der Kunsttherapeutischen Gruppe "Malen und Gestalten" des Therapiezentrums für Folteropfer der Caritas-Flüchtlingsberatung haben Flüchtlinge die Möglichkeit, sich gemeinsam in einen solchen künstlerischen Prozess zu begeben, mit ihrer eigenen Persönlichkeit und Erlebniswelt auf kreative und spielerische Art in Kontakt zu kommen, sich selbst neu erleben und darüber mit anderen in einen Austausch kommen zu können.

Die kunsttherapeutische Gruppe bildet einen geschützten und verlässlichen Rahmen, in dem sich Menschen aus den unterschiedlichsten Ländern und mit unterschiedlichsten Erfahrungen begegnen können. Neben der Förderung der künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten aller Teilnehmer und Teilnehmerinnen steht der Austausch, die gegenseitige Unterstützung und der Spaß am gemeinsamen Arbeiten im Vordergrund.

Viele Flüchtlinge, die in ihrem Heimatland extreme Traumatisierungen erfahren mussten, konnten mit Hilfe der Gruppe neue Kraft schöpfen, verschüttete Lebensenergien wiederentdecken und neue, positive Zukunftsperspektiven entwickeln. 

Die Gruppe, die 1989 ins Leben gerufen wurde und seitdem durchgehend - mit wechselnden Teilnehmern - besteht, markierte den Beginn der Kunsttherapie mit schwertraumatisierten Flüchtlingen im TZFO, die seit mittlerweile 15 Jahren einen zentralen Bestandteil der psychotherapeutischen Arbeit der Einrichtung darstellt.
Die Gruppe ist gemischtgeschlechtlich und gemischtkulturell, die durchschnittlich 12 Teilnehmer/innen im letzten Jahr kamen aus dem Iran, der Türkei, aus Sri Lanka, Nigeria und Deutschland.

Das Leitthema der kunsttherapeutischen Gruppenarbeit im letzten Jahr war das Thema der Identität - ein sehr zentrales Thema für Flüchtlinge, die ihr Heimatland und damit ihren individuellen und kulturellen Bezugsrahmen hinter sich lassen und im Exil ein neues Lebensumfeld, eine neue Existenz aufbauen mussten.
Dieses Thema ist auch die Grundlage der aktuellen Ausstellung mit dem Titel "Ich bleib immer ich", der an das Gedicht "Ich" von Ingeborg Bachmann anknüpft, welches die Grundlage für viele Gespräche und Kunstwerke bildete. 

Das Thema Identität ist auch ein roter Faden der sich durch den von zwei persischen Filmemachern in der Malgruppe erstellten Filmes "Von Farben und von Menschen" zieht. Dieser Film ist zweierlei: Ein Kunstwerk und gleichzeitig ein Dokumentarfilm über die Gruppe und über die kunsttherapeutische Arbeit des TZFO. 

Die Gruppe wurde bis Ende letzten Jahres geleitet von Thomas Egelkamp, Freier Künstler und Kunstpädagoge, und Astrid von Törne, Diplom-Psychologin und Therapeutin im TZFO. 
Die Ausstellung "Ich bleib immer ich" stellt einen vorläufigen Schlusspunkt der Arbeit der Malgruppe dar.

Aufgrund finanzieller Kürzungen kann die Arbeit mit der Gruppe in der bisherigen Form nicht weiter finanziert werden. 
Dieses stellt einen großen Verlust für die therapeutische Arbeit im TZFO dar und es wird versucht, diese Arbeit trotz finanzieller Hürden weiterzuführen.

Um die Kunsttherapie, die insbesondere in der Therapie schwertraumatisierter Menschen eine wichtige Rolle spielt, in Zukunft fortführen zu können, ist das Therapiezentrum für Folteropfer mehr denn je auf Spenden angewiesen.
Astrid von Törne
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