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Die Blutsäule
Sorgsam umbaut von der staufischen
Erneuerung des Dekagons steht direkt auf der Nordseite neben dem westlichen
Eingang das Bruchstück einer Granitsäule.
Es könnte das Fragment
einer der Säulen des spätantiken Baues sein, das hier von seiner
wildbewegten Vergangenheit berichtet. Eine Inschrift, die ursprünglich
auf einer Steinplatte an der Säule angebracht war, ist heute in der Nische
zu lesen:
"Adde fidem, fuit hic pridem fusus cruor idem ad
lapidem, si dem me male, punit idem"- glaube mir, hier wurde vor langer Zeit Blut an dem Stein ver-gossen,
wenn ich mich übel verhalte, straft er. -
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Die Blutsäule |
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Sie fasst kurz und knapp
den Inhalt der Legenden zusammen, die sich mit ihr ver-binden. Die Säule
soll an der Stelle gestanden haben, an der Gereon und seine Gefährten
das Martyrium erlitten.
Ihr Blut floss über die Säule. Später
schreibt man der Säule die Fähigkeit zu, gut und böse zu unterscheiden
und auch zu strafen. Die Inschrift spielt darauf an.
Die spätantiken
Säulen von St. Gereon scheinen auch sonst reges Interesse gefunden zu
haben. Die Grabungen haben bisher kaum ein Bruchstück zutage gebracht.
Wenig genug.
Aber bereits im Jahre 1329 berichtet Probst Arnold von Born, dass schon Karl der Große den deutlichen Wunsch geäußert
habe, Säulen aus St. Gereon für den Bau in Aachen zu erhalten. Und von der Größe her konnte das sogar passen.
Text-Copyright: Werner Schäfke
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Die staufische Erneuerung
Die heutige
Gestalt der Kirche entsteht binnen gut zwei Generationen. Meist nimmt man
jetzt an, dass der Chor mit seiner zwischen zwei Türmen eingespannten
Apsis vor 1156 vollendet worden sei. Und die „Annales sancti Gereonis Coloniensis"
vermerken, dass 1227 das Gewölbe des Dekagons vollendet worden ist.
Damit war die hochromanische Erneuerung der vom Verfall bedrohten Kirche abgeschlossen.
Von einer
Weihe der Kirche durch Erzbischof Arnold II. von Wied (1151-1156) berichtet
im Jahre 1645 der große Kölner Gelehrte Aegidius Gelenius. Das
wurde auf den staufischen Chor bezogen. Ein Siegel Arnolds II., das man mit
anderen im
Reliquiensepulkrum
des Hauptaltars gefunden hatte, schien diese Nachricht zu bestätigen.
Im Altar hatte
sich außerdem ein Siegel Erzbischof Dietrichs I. (1208-1212) und eines
von Erzbischof Ruprecht (1463-1480) befunden, jeweils wohl Erinnerung
an eine erneute Weihe des Altars, für die es viele Gründe geben
kann.
Aegidius Gelenius
berichtet vom Versetzen des Altars als Begründung der neuen Weihe. Das
kann viele Ursachen haben; es muss nicht notwendig auf die neue Chorfassade
bezogen werden.
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Gregor Maurus |
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Die Chorfassade stellt
gegenüber den Chören von Maria Laach, St. Kastor in Koblenz, St.
Servatius in Maastricht oder dem Bonner Münster, dessen Chor 1152 vollendet
war, einen wesentlichen Fortschritt dar. Auch bei den späteren Apsiden
Kölner Kirchen, St. Aposteln oder St. Kunibert, wird nie wieder ein
solcher Reichtum der äußeren Gliederung erreicht. Gegenüber
den Vorgängern - wobei man im Bonner Münster das Vorbild und die
zu übertreffende Konkurrenz sehen will - wird auf die gitter-artige, spätantiken
Vorbildern entsprechende Verklammerung der Geschosse durch aufeinander stehende
Säulen verzichtet. Ein neues Konzept, das die Geschosse und Wandschichten
durch kräftige Gesimse trennt, wird entwickelt.
Vier Geschosse werden
dabei ausgebildet. Über einem mehrfach gestuften Sockel folgt das Krypta-Geschoss,
dessen Fens-ter, einmal zurückgestuft, mit Lisenen
und Rundbogenfries gerahmt werden. Ein dreifach gestufter Mauerrücksprung
trägt darüber die Dreiviertelsäulen des Choruntergeschosses,
die durch Rundbögen, eine Wandschicht tragend, miteinander- verbunden
werden. Die Zerlegung
der Wand in Schichten wird dabei durch die Hinterlegung der Bögen mit
einem flachen, steigenden Rundbogenfries betont. Über einem kräftig
hervortretenden Gesims beginnt dann die Fensterzone des Chors. |
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Die Apsis Außenansicht
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Hier stößt
der Architekt der Chorfassade von St. Gereon auf das gleiche Problem, das
etwa zur gleichen Zeit auch der Architekt des Trikonchos, des Kleeblattchores,
von Groß St. Martin zu lösen versucht. Ein Problem, das an keinem
der früheren Chöre erscheint. Statt einer glatten, nur von den Fenstern
durchbrochenen Wand wird nun innen eine dem Äußeren entsprechende
Gliederung wiederholt. Je dicker dabei die Wand der Apsis ist, desto größer
ist der Unterschied zwischen
äußerem
und innerem Halbkreis, den die Fenster durchbrechen. Innen hat der Architekt
- bei gleicher Breite der Fenster - erheblich weniger Raum, eine Gliederung
unterzubringen, als außen. Die Architekten von Groß St. Martin
und St. Gereon haben das Problem im Untergeschoss des Chores auf fast
gleiche Weise gelöst. Den weiten Bögen außen entsprechen enge,
steile Nischen innen. Im Chorobergeschoss müssen nun die Fenster
mit berück-sichtigt werden. In Groß St. Martin werden bei gleicher
Fensterbreite die Bögen zwischen den Fenstern schmal und steil. Ein
reizvoller Rhythmus entwickelt sich, der ähnlich in Brauweiler aufgegriffen
wird. Ein Laufgang vor den Fenstern, hinter den Pfeilern, macht den Anblick
noch lebendiger. An St. Gereon geht
der Architekt, zukunftweisend, anders vor. Außen werden die Fenster
nicht auf die volle mögliche Breite gebracht. Das Gewände wird gestuft,
Säulen werden eingestellt, so dass der gleiche Raum fast ausgefüllt
wird wie von den Mauerblenden. Nach innen werden die Gewände senkrecht
durchgezogen.
Der Raum zwischen
ihnen reicht für Nischen von etwa gleicher Breite mit Säulen als
Begleitung. Ein fast ausgewogenes Gleichmaß ist erreicht. An St. Aposteln
wird diese Lösung des Chorobergeschosses wenig später aufgegriffen,
aber unter Verzicht auf die exakte Entsprechung von Innen und Außen
eine noch elegantere Lösung gefunden. |
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Es spricht
alles dafür, daß eine solche Lösung nicht in den kurzen Jahren
zwischen der Gelegenheit, Bonn als Vorbild zu nehmen, und dem Tode Erzbischof
Arnolds 1156 nach der Teilnahme an einem österlichen Wettlauf in Xanten
vollendet worden sein kann. Nach den überlieferten Quellen ist der Kleeblattchor
von Groß St. Martin 1172 geweiht worden. In diesen Jahren könnte
man sich auch den Bau des Chores von St. Gereon vorstellen.
Bei der
Verlängerung des Chores wurden die Fenster des annonischen Bauteils
vermauert und eine neue Reihe Fenster etwas höher eingesetzt. Hier werden
sie jetzt paarweise entsprechend den ebenfalls eingefügten Gewölben,
den ersten großen Gewölben vor dem Schiff von St. Aposteln, gruppiert.
Das ist auf der Südseite, im Bereich der Sakristei, noch gut zu sehen;.
Eine Reihe
Stufen im Langchor, vor dem Ansatz der Türme, zeigt die Grenze zwischen
annonischem und staufischem Bereich an. Die Treppenstufen spiegeln den Höhenunterschied
zwischen älterem und jüngerem Teil der Krypta wider. In der Krypta
ist der Unterschied auch durch Wechsel der Formen und des Materials gut zu
erkennen. Im westlichen älteren Teil der Krypta mit einer Höhe von
etwa 3,65 m wird das einfache Kreuzgratgewölbe ohne Gurtbögen von
Sandsteinsäulen getragen, wie sie auch bei anderen Bauten Annos, z.
B. St. Georg oder St. Maria ad Gradus, erscheinen. Der jüngere östliche
Teil der Krypta mit einer Höhe von etwa 4,65 m wird von vier Säulenpaaren
aus Trachyt getragen. Die Würfelkapitelle sind nun prononciert mit einem
begleitenden Wulst geschnitten, und die Kreuzgratgewölbe werden durch
klar geschnittene Gurtbogen voneinander getrennt.
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Durch die
staufische Verlängerung ist der annonische Abschluss von Krypta
und Chor unbekannt. Aber das östlichste Paar der Sandsteinsäulen
mit einem in sechs Streifen gegeneinander gesetzten Fischgrätemuster zeigt wohl das alte Ostende an.
Hier wird
der Altar gestanden haben. Ähnliche Säulen erscheinen zur gleichen
Zeit in den Krypten von St. Peter in Utrecht oder der Abteikirche von Klosterrath.
Jeweils die Säulen links und rechts des Altares sind auf diese Weise
hervorgehoben. Ähnliches ist aus England bekannt, verbreitet vom Norden
mit der Kathedrale von Durham bis zur Krypta im südlichen Canterbury.
Dahinter steht das Vorbild der Colonna Santa in Rom, der Legende nach die
Säule, an welcher der jugendliche Jesus im Tempel lehrte, Teil also des
Lebens Christi, Symbol des Tempels als Haus Gottes. Im Barock wird dieses
Symbol ja dann wieder zu einem geläufigen Begriff der Architektur.
Den Abschluss der Bauarbeiten am Langchor scheint die Gestaltung des Verbindungsbereiches
zwischen Ovalbau und Langchor gebildet zu haben. Das erinnert an den Gang
der Arbeiten nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Ende des
Jahres 1190 werden die Reliquien der Märtyrer in die „nova cripta", in
die neue Krypta, übertragen. Damit ist offensichtlich die neu gestaltete
Confessio, das Gewölbe am Westende der Krypta gemeint, in der heute drei
übereinander gestellte Sarkophage die Erinnerung an die Märtyrer wach halten. Ende August des folgenden Jahres 1191 weiht
Betramus von Metz
den Altar des hl. Gereon darüber - an der gleichen Stelle, wo sich auch
heute wieder der alte Altar mit einer neuen Altarplatte über der Confessio
erhebt. Bischof Bertramus weiht zugleich die Altäre des hl. Petrus
und des hl. Blasius. Der Altar Petri befand sich in der Nische auf der Südseite
mit dem Zugang zur Krypta. Der Altar des hl. Blasius könnte in der damaligen
Sakristei gestanden haben; denn mit der Vollendung der gotischen Sakristei
im Jahre 1319 wird er zuletzt erwähnt. Mit der zusätzlichen Weihe
dieser beiden Altäre könnten sich erste Bauarbeiten im Bereich
des Ovalbaus andeuten.
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Anderes
weist in die gleiche Richtung.
Der obere der drei Sarkophage in der Confessio
trägt die spätromanische Inschrift:
„HIC RECONDITA SUNT CORPORA
THEBEORUM MARTYRUM"
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hier wurden die Leiber der thebäischen Märtyrer
wieder beigesetzt. Sieben weitere solcher Sarkophage waren in den Nischen
des Dekagons aufgestellt, deren Inschriften sogar Zahlenangaben über
die in ihnen untergebrachten
Skelette enthielten. Nur zwei davon haben die Zerstörung des Zweiten
Weltkrieges überstanden. Zwei weitere Sarkophage, die teils die Altarplatte
des Hauptaltars im Chor trugen, waren mit einer Inschrift versehen, welche
die Erhebung der Gebeine in das Jahr 1212 datierte. Das stimmt mit dem zweiten,
im Altarsepulkrum überlieferten Siegel des Kölner Erzbischofs Dietrich
I. (1208-1212) überein, das dort neben denen Erzbischofs Arnold II.
und Ruperts von der Pfalz gefunden worden war. In dieser untergegangenen,
nur überlieferten Inschrift scheinen die gesamten Aktivitäten zusammengefasst,
an deren Anfang die Erneuerung der Confessio steht.
Aber bevor
wir uns nun dem Höhepunkt der Baugeschichte, der Errichtung des Dekagons,
zuwenden, noch einen letzten Blick auf die Chorfassade. Chorfassaden sind
durch die Lage Kölns am Westufer des Rheins bedingt. Am Ufer gelegene
Kirchen wie St. Kunibert, St. Maria Lyskirchen oder Groß St. Martin
setzen hier den architektonischen Akzent. Aber auch innerstädtische Kirchen
stehen in der gleichen Richtung. Der Besucher nähert sich ihnen von
Osten, aus der Stadtmitte kommend. So
entsteht die Schaufront im Osten bei St. Gereon oder an St. Aposteln, jeweils
der Stadt zugewandt. Typisch für die Kölner Chorfas-saden ist die
von zwei Türmen begleitete Apsis. Mit St. Gereon wird ein Höhepunkt
erreicht: Der Reichtum der Gliederung der Apsis über Sockel, Kryptageschoss,
Chorunter- und Obergeschoss ist schon geschildert worden. Selbst St.
Aposteln bleibt in
den Rahmungen der Fenster schlichter als St. Gereon. Hier, an St. Gereon,
erscheint dann erstmals (oder an Groß St. Martin früher?) die
prunkvolle Verbindung von Plattenfries und Zwerggalerie mit einem weit ausladenden
Traufegesims darüber. Die unteren drei Geschoss- Gliederungen werden
gleichmäßig auch auf die Flankentürme übertragen.
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Mit der
Höhe von Zwerggalerie und Plattenfries trennen sich die Wege. Der Ostgiebel
über dem Dach der Apsis setzt mit seiner einst wohl mit Skulpturen gefüllten
Nischengliederung etwas höher an als das entsprechende Turmgeschoss. Ein hier durchzogenes
Gesims, durchaus denkbar, hätte zu einer merkwürdigen Trennung der
Bauteile geführt. So bleibt die Mitte betont, und gleichmäßig,
organisch wachsen die Türme aus der Rahmung der Apsis heraus. In sieben
Etagen steigen sie auf, wobei jeweils ein deutlicher Mauerrücksprung
die Etagen markiert. Die freistehenden letzten drei Turmgeschosse werden reicher
durchgegliedert und schließen mit je zwei Dreiecksgiebeln auf jeder
Turmseite ab. Ein Bild, das in Köln sonst nur noch bei der untergegangenen
Kirche St. Laurentius erschien. Ein bewegter Umriss, der als Vorbild
den achtseitigen Vierungsturm ahnen lässt, wie er erstmals um 1170
in (Dormagen-) Knechtsteden gebaut worden ist. Diese lebendigen Silhouetten,
in denen Günter Bandmann die Giebel des himmlischen Jerusalems erkannte,
wirken hier nach.
Der Altar
im Chor ist offensichtlich im Jahre 1212 von Erzbischof Dietrich I. erneut
geweiht worden. Ursache war sicher der Einbau der beiden Sarkophage mit Thebäerreliquien,
welche die Inschriften trugen. Nimmt man nur die Zahlenangaben der Inschriften
- längst nicht alle Inschriften enthielten eine - kommt man auf 81 Skelette,
die bei dieser Aktion erhoben worden sind. Die beiden erhaltenen Sarkophage
(von einst sieben) sind auf der Südseite des Dekagons eingemauert, und
ein fast zerstörter ist noch in einer Nische der Nordseite zu erkennen.
Diese große Zahl von Reliquienfunden, die bei weitem alles übersteigt,
was bei den Grabungen Annos oder Norberts gefunden wurde, lässt auf größere Grabungsaktivitäten im und wohl auch um den Kirchenbau
schließen. Keine schriftliche Überlieferung
hat diese Arbeiten festgehalten. Das lässt vermuten, dass die
Reliquienfunde nicht das eigentliche Ziel der Grabungen waren, sondern ein
Nebenergebnis von Erdbewegungen mit einem anderen Ziel. Und damit stehen wir
mitten in den Bauarbeiten des frühen 13. Jh. am Dekagon.
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Über
den Abschluss der Bauarbeiten, die Vollendung des Kuppelgewölbes
über dem neugestalteten Dekagon, sind wir gut unterrichtet. Die „Annales
Sancti Gereonis Coloniensis" haben das festgehalten:
„Anno incarnationis
dominice 1227 in octava apostolorum Petri et Pauli completa est testudo monasterii
sancti Gereonis" -
im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1227 am achten Tage
nach dem Fest der Apostel Petrus und Paulus ist das Gewölbe des Stiftes
St. Gereon vollendet worden. Wie
eine kostbare Reliquie hatte man die Mauern des spätantiken Baus in
den Neubau einbezogen, seine Gestalt davon bestimmen lassen. Ähnliche
Rücksichtnahme kennen wir auch von anderen mittelalterlichen Kirchenbauten.
Als Mindestmaß dieser Art von Pietät kann man bei Grabungen fast
immer die Beibehaltung des Platzes des Hauptaltares feststellen. Der Gedanke
der Sparsamkeit mag daneben durchaus auch eine Rolle gespielt haben. Was
man weiter benutzen konnte, musste nicht kostspielig abgerissen werden
und ersparte beachtliche Baukosten für den geplanten Neubau.
Diese Finanzprobleme,
wir kennen heute ähnliche, haben zu einer weiteren Nachricht in den Quellen
über den Bau des Dekagons geführt. Im Jahre 1219 beschließt
das Kapitel, die Versammlung der Stiftskanoniker, umfangreiche Investitionen
für den Neubau:
„cum edificia nostre ecciesiae ex longa vetustate dispacta
iam ruinam minarentur
et eorum restauratio dilationen nullam pateretur"
-
da die Gebäude
unserer Kirche durch hohes Alter baufällig und vom Einsturz bedroht
werden und ihre Erneuerung keinen Aufschub duldet. Jedes Mitglied des Stiftes
wird mit Beiträgen für die „fabrica ecciesiae", für die Baukasse
herangezogen. So steht es auch heute in jedem entsprechenden Beschluss und Antrag auf Baumittel. Solche bedrohlichen Schilderungen gehören zum
unvermeidlichen Inventar an Formulierungen für diesen Zweck. Fast
wortgleich sind zwei weitere Kapitelbeschlüsse
aus dem Jahre 1224. Und im Jahre 1238 erhält .die Baukasse wieder auf
neuen und anderen Wegen zusätzliche Einnahmen zugewiesen. Der Beschluss des Jahres 1219 belegt also nur - und das deutlich, da andere Finanzierungswege
als bisher erschlossen werden -, dass die Baukasse leer ist. Eingesetzt
haben die Bauarbeiten sicherlich früher.
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Im gleichen Kapitelbeschluss
des Jahres 1219 wird festgelegt, dass das Badehaus
des Stiftes binnen eines Jahres fertig zustellen ist. Das wirkt auf den ersten
Blick zwar mehr als kulturgeschichtliches Kuriosum, ist aber eine der wenigen
Angaben, die wir für das mittelalterliche Köln zu Bauzeiten haben.
Setzt man als erfahrener Bauherr schon ein Jahr als wohl knappe Frist für
die Erneuerung eines Badehauses, können wir kaum erwarten, daß
eine der kühnsten Baumaßnahmen der Kölner Romanik binnen
acht Jahren vollendet war.
Alles spricht
dafür, dass zu Beginn des 13. Jh. mit den Funden der Thebäerreliquien
die Bauarbeiten für die Fundamentierungen begonnen haben. Auch die architekturgeschichtliche
Einordnung der Formen, die der Architekt des Dekagons verwendet, spricht
nicht dagegen - sie erhalten sogar ihren eigentlichen Rang an Modernität,
wenn wir einen Baubeginn um 1210 annehmen. Die „gotischen" Formen, die
am Dekagon erscheinen. Knospenkapitelle, Strebepfeiler und Strebebögen
und schließlich die Gruppenfenster des Obergadens, entsprechen dem
Stand der Entwicklung gotischer Architektur in der Ile-de-France zu dieser
Zeit.
Mit einer
Scheitelhöhe von 34,55 m bei einer Breite von 16,90 m zur Länge
von 21 m erreicht das Dekagon als Ovalraum die üblichen Maße französischer
Kathedralen Ende des 12. Jh. und zu Beginn des 13. Jh. Der viergeschossige
Wandaufbau, zu dieser Zeit schon nicht mehr das Modernste an Kathedralearchitektur,
ist hier durch den Bestand des spätantiken Baus bedingt. Mit einem dreigeschossigen
Aufbau hätte sich bei den vorgegebenen Maßen der Nischen nicht
die gewünschte Höhe erreichen lassen.
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So werden
innen anstelle der spätantiken Doppelsäulen mächtige Pfeiler
vorgelegt. Als dünne Wandschicht umfangen sie mit gebrochenem Bogen
noch abschließend die Fächerfenster des dritten Geschosses. Die
am Pfeiler eingestellten Dienste, die den spitz gebrochenen Gurtbogen über
den Fächerfenstern tragen, betonen die Einheit der so zusammengefassten Formen. Die Nischen bleiben bar jeglichen Schmuckes. Erst das
Emporengeschoss mit seinen Arkaden in gestaffelter Höhe ist mit ornamentaler
Steinmetzearbeit reich ausgestattet. Kelchknospenkapitelle und reich durchgearbeiteter Dekor
als Rahmen bieten ein fast maßwerkartiges Bild. Die Emporen auf beiden
Seiten des Dekagons nutzen den Raum über den spätantiken Nischen.
Ihre zierlichen, halbseitig wie Muscheln angelegten Gewölbe sind kleine
Vorstufen zur großen Kuppel. Rippen sind allerdings nur auf der Südseite
unterlegt. Auf der Nordseite fehlen sie und zeigen damit deutlich, dass sie noch keinen konstruktiven Zweck erfüllen, spätromanische Dekoration
bleiben. Darüber liegt, mit einem innenseitigen Laufgang davor, das Geschoss
der Fächerfenster. Das steht deutlich in der rheinischen
Tradition der doppelschaligen Wand. In der Ile-de-France hätte man den
Lauf gang nach außen verlegt. Das gilt auch für den Laufgang vor
den Gruppenfenstern darüber. Sie werden geschickt durch zweifach in
das gestufte Gewände eingestellte Säulen mit Spitzbogenwülsten
darüber gerahmt. Jeweils zwei, im Osten und Westen drei gestaffelte
Lanzettfenster mit einem oder zwei Dreipässen dazwischen werden so zusammengefasst.
Durch die hohen Dienste, als Dreiviertelsäule vor den Pfeiler gelegt,
mit den kräftigen Rippen darüber, werden die Geschosse zu jochartigen
Einheiten verbunden. |
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Das gut
40 cm dicke Gewölbe, in das die Rippen eingebettet sind, zeigt noch
einmal, wie weit der Architekt trotz des äußeren Anscheins von
den bautechnischen Entwicklungen im Herzen Frankreichs entfernt ist. Dort
dienten Rippen als Führungslinien für das Einziehen dünner,
leichter Gewölbekappen. Hier, mit der Kuppel von St. Gereon, deren
Rippen in einem mächtigen hängenden Schlussstein enden, sind
die Rippen mehr Dekoration als funktionaler Teil der Architektur. Der hängende Schlussstein
in Form eines Granatapfels war, ursprünglich aus Kork
und mit Leder überzogen, Symbol der Auferstehung. Im Krieg vernichtet,
hat man ihn nun in Holz ersetzt.
Für
den Seitenschub des mächtigen Gewölbes sind die kurzen Strebebögen
über den zarten Strebepfeilern zwar an der richtigen Stelle angesetzt,
aber es fehlt obenauf das notwendige Auflagegewicht, um tatsächlich
den Schub ableiten zu können. Ein entsprechendes Auflagegewicht auf
die Mauern des Dekagons selbst bringen Zwerggalerie mit Plattenfries und
das mächtige Traufegesims darüber.
Aber das alles
hätte kaum auf Dauer ausgereicht. Wie rings um die Vierungen von St.
Aposteln oder Groß St. Martin hat man die Kuppel von St. Gereon durch
einen hölzernen Ringanker im Boden des Laufgangs der Zwerggalerie gesichert.
Den gleichen Kanal nutzt dort der heutige moderne stählerne Ringanker.
In der Technik des Gewölbes ist der Abstand vom in der Ile-de-France
erreichten technischen Niveau
deutlich zu erkennen. Rheinisch, spätromanisch auch die Lösung,
die Laufgänge über der Empore und vor dem Obergaden innen und nicht
außen verlaufen zu lassen. Damit tritt die Massivität des Mauerwerks
innen erheblich stärker hervor. Die romanische Plastik der Wand wird
gegenüber der durchaus gotischen Linienführung betont.
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Die Verwendung
„gotischer" Einzelformen, wie der Kelchknospenkapitelle der Emporen, Strebe-
bögen und Strebepfeiler und der Gruppenfenster des Obergadens bereichert
das Erscheinungsbild der rheinischen Spätromanik, bedeutet noch nicht
den Einzug der Gotik in Köln. Aber das entspricht dem Stand der Dinge.
Die Gruppenfenster des Obergadens folgen den Vorbildern der Zeit. So waren
sie in den Emporen von Noyon angedeutet oder in den frühen Fenstern von
Chartres oder Bourges ausgeführt worden. Erst nach 1211 wird beim Bau
der Kathedrale von Reims das Maßwerkfenster entwickelt. Der Architekt
von St. Gereon kann diese aber nicht mehr gesehen haben, wenn wir einen Baubeginn
um 1210 voraussetzen.
Denn erst
mit Reims werden gotische Architektursysteme entwickelt, die sich nicht mehr
mit rom- anischen Formen verbinden lassen. Das zeigt im Gebiet des Deutschen
Reiches sehr deutlich die wenig jüngere Architektur der Elisabethkirche
in Marburg oder der Liebfrauenkirche in Trier. Für diese stufenweise
Übernahme gotischer Architektur, verbunden mit einem Wandel in Technik
und Organisation des Bauens, ist St. Gereon ein vornehmes Beispiel.
Text-Copyright: Werner Schäfke
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Kreuzgang mit
ehemaligen Stiftsgebäuden
Die erhaltenen Stützenreste
und niedrigen Mauerzüge im Westen vor der Kirche lassen einen ehemaligen
Innenhof erkennen. Er war ca. 20x24m groß und
wurde von einem Kreuzgang umgeben. Es schlossen sich an drei Seiten
zweigeschossige Gebäude an. Sicher ist, dass diese Räume,
besonders das Dormitorium im Norden von den Stiftsherren genutzt wurden.
Im Osten befand sich der Durchgang
in die Vorhalle der Kirche. Die Ausgrabungen haben gezeigt, dass römische
Mauern als Fundamente benutzt wurden. In der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts
wurden die Stifts-gebäude hier erneuert.
Man orientierte sich an der alten
Raumanordnung. Sogar der Wandkamin im Nordraum wurde an alter Stelle erneuert.
Im Innenhof und der Umgebung wurde
noch bis ins 18. Jahrhundert hinein bestattet. Alle Gebäude wurden im
19. Jahrhundert nach Auflösung der Stiftsgemeinschaft auf Abbruch versteigert. |
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Ausschnitt aus dem Modell
des Stadtmuseums. |
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Nikolauskapelle
Nicht eindeutig geklärt sind die
Ursprünge dieses kleinen Raumes. Im Jahr 1067 weiht
Erzbischof Anno eine Nikolaus-kapelle. Heute ist der
Raum ein Ort der Erinnerung geworden. In den Wänden sind
Grabsteine eingemauert, die in St. Gereon oder der nahen
Umgebung gefunden wurden. |
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Eine Legende wächst
Mit der problematischen historischen
Qualität von Legenden haben wir bei St. Gereon noch an einer sehr viel
entscheidenderen Stelle zu tun. St. Gereon tritt erstmals im frühen
7. Jh. in einer frühen Fassung des Martyrologium Hieronymianum auf,
und zu Beginn des 8. Jhs. wird erstmals die Kirche als St. Gereon bezeichnet.
Eugen Ewig geht sogar soweit, die Namen Gereons und der Bonner Märtyrer Cassius und Florentius
für kontinuierlich überliefert zu halten. Gereon geht mit den vornehmsten
der gallischen Heiligen in die laudes regiae ein, wird zum Schutz und zur
Unterstützung der fränkischen Könige angerufen. Das kennzeichnet
sein Ansehen und das seiner Kirche. Durch den Geschichtsschreiber und Bischof
Gregor von Tours wissen wir, dass man die in unserer Kirche verehrten
Heiligen - er nennt die Zahl 50 - zur Thebäischen Legion rechnet. Den
Namen Gereons nennt er allerdings nicht. Die Legion aus der- christlichen
Thebais in Ägypten soll nach der Legende, welche Mitte des 5. Jh. von
Eucherius von Lyon zuerst formuliert wird, unter Diokletians Kaiserkollegen
Maximinian die Verfolgung von Christen verweigert haben und Schritt für
Schritt, von Oberitalien bis nach Xanten am Niederrhein über
Europa verteilt, daraufhin ihres Glaubens wegen das Martyrium erlitten haben.
So wird es endgültig um 1000 n. Chr. in der Passio zusammengestellt,
die dem hl. Gereon in der Kölner Gruppe der Thebäischen Legion nun
318 Gefährten zurechnet, die dort, wo zu ihrem Gedächtnis die Kirche
St. Mechtern in Köln-Ehrenfeld errichtet wurde, getötet wurden.
Ihre Leichname soll man nach der Legende
in einen Brunnen geworfen haben, der sich nach wechselnden Vorstellungen
in der Mitte der Kirche oder unter der Confessio unter dem Gereonsaltar am
Anfang zum Chor befunden haben soll. An beiden Stellen haben ihn die Grabungen
der letzten Jahre nicht nachweisen können. |
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Aber das ist noch kein Grund,
auch den Ursprüngen der Legende jeglichen Wahrheitsgehalt abzusprechen.
Die nachgewiesenen Gräber von Märtyrern in Bonn und Xanten, die
man mangels genauerer Nachrichten zugleich mit Gereon in die wachsende Thebäische
Legion rekrutierte, sind das beste Beispiel dafür. An beiden Stellen
haben wir Märtyrer, über die man schon früh nichts Genaueres mehr
wusste, die man verehrte,
die nach einer Geschichte verlangten, wie sie die Thebäische Legion
dann liefern konnte.
Ein Märtyrergrab Gereons
kennen wir allerdings ebenso wenig wie den Brunnen. Das kann drei Gründe
haben, wenn ein Grab überhaupt existiert hat. Mittelalterliche Grabungen
und Bauarbeiten können die Spuren vernichtet haben. In St. Gereon ist
mehrfach gegraben worden. Erzbischof Anno und dem hl. Norbert von Xanten werden
wir bei dieser Tätigkeit noch begegnen. Beide waren erfolgreich und
deckten Gräber auf, die man heute für die Gräber fränkischer
Adliger halten möchte. Um 1200 hat man dann noch einmal den Boden bei
den Vorarbeiten für die staufische Erneuerung des Baues durchwühlt.
Und im Bereich der Confessio, an der Nahtstelle zwischen Chor und Dekagon,
ist eine Fülle von Bauarbeiten durchgerührt worden. Viele Spuren
eines Grabes kann man danach nicht unbedingt erwarten. Es kann natürlich
auch geschehen sein, dass irgendeiner der christlichen Archäologen
des Mittelalters, deren Finderglück überliefert ist, das Grab tatsächlich
gefunden hat - dann können seine heutigen Berufskollegen es nicht mehr
unbedingt nachweisen. Und schließlich eine dritte Möglichkeit:
Als im 11. Jh. eine andere Schar Märtyrer dem Kölner Erzbischof
Anno (1056-1075) im Traum erscheint und ihn handgreiflich
auffordert, etwas für die Bauunterhaltung zu tun, ist von einer sehr
bescheidenen Krypta auf der Südseite der Kirche die Rede. Das lässt sich auf die von Anno später umgestaltete Nikolauskapelle beziehen. Hier
vermutete man also Märtyrergräber. Man fand sie aber - wenn Anno
sie hier gesucht hat, was seine Vita nicht berichtet - nicht. Erst bei Abschluss
der Bauarbeiten am Chor findet man die
erwarteten Gräber im Dekagon. Dann wäre die Nikolauskapelle eine
dritte Möglichkeit, die von der modernen Archäologie noch zu überprüfen
wäre.
Text-Copyright: Werner Schäfke
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Wer war Gereon?
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Welche
Bedeutung hat er für unsere Basilika?
Vom heiligen Gereon
und seinen Gefährten. |
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Als der römische Kaiser Carus
vom Blitz erschlagen und sein Sohn Numerian ermordet worden war, riefen
die im Orient kämpfenden Legionen den Diocletian zum Kaiser aus.
Dieser, ein Feldherr des Carus, machte seinen Freund Maximinian zum
Mitregenten und unterstellte ihm das weströmische Reich, während
er selbst im Osten blieb. Beide Cäsaren dachten daran, Rom wieder
so mächtig zu machen, wie es zu der glorreichen Zeit des Augustus
gewesen war. Ferner beabsichtigten sie, die altrömische Götterverehrung
neu zu beleben, und geboten darum, dass die Christen aufs blutigste
verfolgt würden. Endlich gingen sie gar so weit, dass sie
für sich selbst göttliche Ehren verlangten.
Zur Zeit dieser beiden Cäsaren
erhob sich, wie so oft schon, ein gallischer Volksstamm wider die
römische Gewaltherrschaft. Maximinian wollte den Aufstand niederschlagen,
besaß aber nicht genug Truppen dazu. Infolgedessen musste er den Diocletian um Hilfe anrufen und erhielt von diesem neben anderen
Kriegsvölkem auch eine Legion, die im oberägyptischen Thebais
ihren Standort hatte und deshalb die thebaische Legion genannt wurde.
Sobald sie in Italien angekommen war,
schickte Maximinian sie über die Alpen. Doch kaum hatte sie das
Walliser Land erreicht, als ihr Anführer Mauritius benachrichtigt
wurde, er hätte in dem dortigen Lager Octodurum weitere Befehle
abzuwarten und fürs nächste nur einige Kohorten weiter nordwärts
in das Land der Treverer und Ubier vorauszuschicken.
So kam es, dass die Legion nicht
geschlossen beisammen blieb. Ein kleiner Trupp von ihr marschierte unter
Thyrsus nach Trier. Eine weitere Schar kam unter Cassius, Florentius
und Pius nach Bonn. Ein dritter Trupp — nämlich 318 Mann unter Gereon
und eine maurische Kohorte von 360 Mann unter Gregorius — strebte noch
weiter auf Köln zu, wo die Leute am Abend des 9. Oktober 286 anlangten
und sich sogleich in das dortige Heerlager begaben.
Es wird berichtet, dass sich diese
thebaischen und maurischen Legionäre in vielem von den sonstigen
römischen Soldaten unterschieden. Sie waren nicht so rau und
rücksichtslos wie diese, sondern still, verhalten und recht freundlich.
Auch hatten sie eine dunklere Hautfarbe und waren im Körperbau schlanker
und geschmeidiger. Gar seltsame Zeichen sollen sie auf ihren Kleidern
und Waffen getragen haben. Im übrigen verkehrten ihre Offiziere mit
den Mannschaften wie rechte Kameraden. Abends, ehe sie sich nach dem
langen Marsch zur Ruhe begaben, sah man sie noch eine Weile bei den Zelten
des Gereon und Gregorius zusammenstehen und mit gesenkten Köpfen
beten. Als die Dunkelheit vollends hereingebrochen war, lagen sie bereits
im Stroh und schliefen.
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Wer aber von ihnen ahnte da wohl, was
noch zur gleichen Nacht über sie verhängt wurde?
Träumte einer davon, dass zu Octodurum wie zu Trier und Bonn Schwerter aufblitzten, und
dass dort die Häupter ihrer zurückgebliebenen Kameraden in den
Staub rollten? —
Die Nacht war sehr kühl und der
schwarze Himmel von Wolken verhangen. Die Wache auf den Wällen
vermochte kaum die nächstgelegenen Häuser und Bäume
der Kolonie zu sehen. Nichts rührte sich ringsum. Erst gegen
Morgen, in der schwärzesten Stunde vor Sonnenaufgang hörten
sie einen Reiter, der sich eilig näherte, kurz darauf anlangte
und sogleich zum Oberbefehlshaber des Lagers geführt werden wollte.
Wie er sagte, überbrachte er einen Befehl des Rictius, eines Feldherrn
des Kaisers Maximinian.
Und dann, kaum eine halbe Stunde später,
als das Lager im ersten, noch ungewissen Lichte der Dämmerung
lag, ertönten Tuben, und aus den Zelten strömten, noch verschlafen,
die Soldaten. Der thebäischen Legion wurde anzutreten
befohlen. Wenig später trat der Lagerkommandant vor sie hin und machte ihr bekannt, dass sie
sofort nach Xanten abzumarschieren hätte. Zuvor aber, so sagte er
schroff, sollte sie auf ausdrücklichen Befehl des Rictius den Göttern
für einen glücklichen Ausgang des bevorstehenden Feldzuges
Opfer darbringen. Und nun erhob der Kommandant seine Stimme noch mehr.
Er verkündete, dass ihre
Kameraden zu Bonn, Trier und Octodurum sich geweigert hätten,
die römischen Götter zu verehren, und deshalb ausnahmslos
samt ihrem Anführer Mauritius hingerichtet worden seien; er selbst, der Kommandant des Lagers,
würde befehlsgemäß mit ihnen, den Letzten der Legion,
genau so verfahren lassen, wenn sie jetzt nicht ein für allemal
ihrem Christentum abschwörten.
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Die thebäischen Legionäre standen
stumm und bewegungslos. Einige, die. sich nach einer kurzen Weile
umwandten, sahen, dass hinter ihnen Mannschaften angetreten waren,
die ihre kurzen Schwerter schlagbereit in den Händen hielten.
Doch das verwirrte sie nicht; vielmehr leuchtete manches Gesicht dabei
auf wie in einem heiligen Triumph. Dann schauten sie voll stiller Gelassenheit
zu ihrem Anführer Gereon hin, der vor die Front getreten war
und, straff dort stehend, erklärte, er spräche für alle
und hätte in ihrem Namen zu sagen, dass sie zwar
als getreue Soldaten jeden militärischen Befehl des Cäsars
ohne weiteres ausführen würden, doch als getreue Christen
nimmermehr den römischen Göttern opfern wollten. |
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Der Kommandant, mit finsterer Stimm
und gepresstem Mund, starrte Gereon einige Sekunden schweigend an. Dann
schob er plötzlich das Kinn vor und rief jene Mannschaften heran,
die bisher hinter den thebäischen Legionären gestanden hatten.
Da verfügte er, dass zunächst jeder Zehnte der „Aufrührer"
erschlagen werden sollte. Das Folgende vollzog sich in schrecklicher
Stille: Stumm und steif, mit gesenkten Köpfen lautlos In sich hineinbetend,
erwarteten die Verurteilten den Todesstreich. Im nächsten Augenblick
stürzten sie unter einem Schwerthieb blutüberströmt,
doch ohne einen Schrei, aus der langen Reihe zu Boden. „Gebenedeit seid
ihr, die ihr für Christus euer Blut hingebt!", rief da Gereon mit
seiner hellen Stimme in das Röcheln der Sterbenden hinein und forderte
die übrigen Kameraden auf, den vorausgegangenen nicht nachzustehen.
Alles aber, was er noch sagte, übertönte die zornige Stimme
des Kommandanten, der anordnete, dass ein weiteres Mal jeder Zehnte
getötet werden sollte, wenn sich die Legionäre nicht sogleich
zur Darbringung der Opfer bereit erklärten. Doch auch jetzt trat
niemand aus der Reihe, um ihm zu willfahren; vielmehr riefen sich die
standhaften Helden mit heilig erregten Stimmen zu, sie wollten gemeinsam
ausharren bis zum Ende und vor ihrem obersten Anführer Mauritius wie
vor all den toten Brüdern nicht zu Schanden werden. Sie begannen sogar
laut zu singen und umarmten einander dabei. Die Wut der Römer dagegen
ward immer größer; also dass sie hemmungslos wie Tiere
an den kampflos sterbenden Heiligen handelten.
Zuletzt wurden Gereon und Gregorius
enthauptet. Die Leichen warf man in einen tiefen Brunnen. Der Ort aber,
wo dies alles geschah, war noch anderthalb Jahrtausende später unter
dem Namen "Der Mordhof zu Köln" bekannt.
Kaiser Konstantins Mutter, die heilige
Helena, hat die Gebeine der thebäischen Blutzeugen wenige Jahrzehnte
nach deren Tode wieder entdeckt und in kostbaren Gewändern auf
geweihtem Boden beisetzen lassen. Darüber wurde eine fast kreisrunde
Kirche erbaut, die so herrlich mit Gold und edlem Gestein ausgeschmückt
war, dass man sie überall ,,ad sanctos aureos", das heißt
"zu den goldenen Heiligen" nannte. Die Hunnen haben später
dieses Gotteshaus geschändet und beraubt. Was übrig blieb oder
in den nächsten Jahrhunderten wiederhergestellt wurde, das vernichteten
im Jahre 882 die Normannen.
Hernach stand die Kirche lange verlassen,
bis der heilige Anno Erzbischof von Köln wurde und das altehrwürdige
Heiligtum in neuer Pracht erstehen
ließ.
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