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Die Blutsäule


Sorgsam umbaut von der staufischen Erneuerung des Dekagons steht direkt auf der Nordseite neben dem westlichen Eingang das Bruchstück einer Granitsäule. 
Es könnte das Fragment einer der Säulen des spätantiken Baues sein, das hier von seiner wildbewegten Vergangenheit berichtet. Eine Inschrift, die ursprünglich auf einer Steinplatte an der Säule angebracht war, ist heute in der Nische zu lesen:


"Adde fidem, fuit hic pridem fusus cruor idem ad lapidem, si dem me male, punit idem"- 
glaube mir, hier wurde vor langer Zeit Blut an dem Stein ver-gossen, wenn ich mich übel verhalte, straft er. -

Die Blutsäule


Sie fasst kurz und knapp den Inhalt der Legenden zusammen, die sich mit ihr ver-binden. Die Säule soll an der Stelle gestanden haben, an der Gereon und seine Gefährten das Martyrium erlitten.

Ihr Blut floss über die Säule. Später schreibt man der Säule die Fähigkeit zu, gut und böse zu unterscheiden und auch zu strafen. Die Inschrift spielt darauf an. 

Die spätantiken Säulen von St. Gereon scheinen auch sonst reges Interesse gefunden zu haben. Die Grabungen haben bisher kaum ein Bruchstück zutage gebracht. Wenig genug.

Aber bereits im Jahre 1329 berichtet Probst Arnold von Born, dass schon Karl der Große den deutlichen Wunsch geäußert habe, Säulen aus St. Gereon für den Bau in Aachen zu erhalten. Und von der Größe her konnte das sogar passen.

Text-Copyright: Werner Schäfke

 

 

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Die staufische Erneuerung


Die heutige Gestalt der Kirche entsteht binnen gut zwei Generationen. Meist nimmt man jetzt an, dass der Chor mit seiner zwischen zwei Türmen eingespannten Apsis vor 1156 vollendet worden sei. Und die „Annales sancti Gereonis Coloniensis" vermerken, dass 1227 das Gewölbe des Dekagons vollendet worden ist. Damit war die hochromanische Erneuerung der vom Verfall bedrohten Kirche abgeschlossen.

Von einer Weihe der Kirche durch Erzbischof Arnold II. von Wied (1151-1156) berichtet im Jahre 1645 der große Kölner Gelehrte Aegidius Gelenius. Das wurde auf den staufischen Chor bezogen. Ein Siegel Arnolds II., das man mit anderen im 
Reliquiensepulkrum des Hauptaltars gefunden hatte, schien diese Nachricht zu bestätigen. 
Im Altar hatte sich außerdem ein Siegel Erzbischof Dietrichs I. (1208-1212) und eines von Erzbischof Ruprecht (1463-1480) befunden, jeweils wohl Erinnerung an eine erneute Weihe des Altars, für die es viele Gründe geben kann. 
Aegidius Gelenius berichtet vom Versetzen des Altars als Begründung der neuen Weihe. Das kann viele Ursachen haben; es muss nicht notwendig auf die neue Chorfassade bezogen werden.


Gregor Maurus

Die Chorfassade stellt gegenüber den Chören von Maria Laach, St. Kastor in Koblenz, St. Servatius in Maastricht oder dem Bonner Münster, dessen Chor 1152 vollendet war, einen wesentlichen Fortschritt dar. Auch bei den späteren Apsiden Kölner Kirchen, St. Aposteln oder St. Kunibert, wird nie wieder ein solcher Reichtum der äußeren Gliederung erreicht. Gegenüber den Vorgängern - wobei man im Bonner Münster das Vorbild und die zu übertreffende Konkurrenz sehen will - wird auf die gitter-artige, spätantiken Vorbildern entsprechende Verklammerung der Geschosse durch aufeinander stehende Säulen verzichtet. Ein neues Konzept, das die Geschosse und Wandschichten durch kräftige Gesimse trennt, wird entwickelt. 
Vier Geschosse werden dabei ausgebildet. Über einem mehrfach gestuften Sockel folgt das Krypta-Geschoss, dessen Fens-ter, einmal zurückgestuft, mit Lisenen und Rundbogenfries gerahmt werden. Ein dreifach gestufter Mauerrücksprung trägt darüber die Dreiviertelsäulen des Choruntergeschosses, die durch Rundbögen, eine Wandschicht tragend, miteinander- verbunden werden. Die Zerlegung der Wand in Schichten wird dabei durch die Hinterlegung der Bögen mit einem flachen, steigenden Rundbogenfries betont. Über einem kräftig hervortretenden Gesims beginnt dann die Fensterzone des Chors.


Die Apsis Außenansicht

Hier stößt der Architekt der Chorfassade von St. Gereon auf das gleiche Problem, das etwa zur gleichen Zeit auch der Architekt des Trikonchos, des Kleeblattchores, von Groß St. Martin zu lösen versucht. Ein Problem, das an keinem der früheren Chöre erscheint. Statt einer glatten, nur von den Fenstern durchbrochenen Wand wird nun innen eine dem Äußeren entsprechende Gliederung wiederholt. Je dicker dabei die Wand der Apsis ist, desto größer ist der Unterschied zwischen 
äußerem und innerem Halbkreis, den die Fenster durchbrechen. Innen hat der Architekt - bei gleicher Breite der Fenster - erheblich weniger Raum, eine Gliederung unterzubringen, als außen. Die Architekten von Groß St. Martin und St. Gereon haben das Problem im Untergeschoss des Chores auf fast gleiche Weise gelöst. Den weiten Bögen außen entsprechen enge, steile Nischen innen. Im Chorobergeschoss müssen nun die Fenster mit berück-sichtigt werden. In Groß St. Martin werden bei gleicher Fensterbreite die Bögen zwischen den Fenstern schmal und steil. Ein reizvoller Rhythmus entwickelt sich, der ähnlich in Brauweiler aufgegriffen wird. Ein Laufgang vor den Fenstern, hinter den Pfeilern, macht den Anblick noch lebendiger. An St. Gereon geht der Architekt, zukunftweisend, anders vor. Außen werden die Fenster nicht auf die volle mögliche Breite gebracht. Das Gewände wird gestuft, Säulen werden eingestellt, so dass der gleiche Raum fast ausgefüllt wird wie von den Mauerblenden. Nach innen werden die Gewände senkrecht durchgezogen. 
Der Raum zwischen ihnen reicht für Nischen von etwa gleicher Breite mit Säulen als Begleitung. Ein fast ausgewogenes Gleichmaß ist erreicht. An St. Aposteln wird diese Lösung des Chorobergeschosses wenig später aufgegriffen, aber unter Verzicht auf die exakte Entsprechung von Innen und Außen eine noch elegantere Lösung gefunden.

Es spricht alles dafür, daß eine solche Lösung nicht in den kurzen Jahren zwischen der Gelegenheit, Bonn als Vorbild zu nehmen, und dem Tode Erzbischof Arnolds 1156 nach der Teilnahme an einem österlichen Wettlauf in Xanten vollendet worden sein kann. Nach den überlieferten Quellen ist der Kleeblattchor von Groß St. Martin 1172 geweiht worden. In diesen Jahren könnte man sich auch den Bau des Chores von St. Gereon vorstellen.

Bei der Verlängerung des Chores wurden die Fenster des annonischen Bauteils vermauert und eine neue Reihe Fenster etwas höher eingesetzt. Hier werden sie jetzt paarweise entsprechend den ebenfalls eingefügten Gewölben, den ersten großen Gewölben vor dem Schiff von St. Aposteln, gruppiert. Das ist auf der Südseite, im Bereich der Sakristei, noch gut zu sehen;.

Eine Reihe Stufen im Langchor, vor dem Ansatz der Türme, zeigt die Grenze zwischen annonischem und staufischem Bereich an. Die Treppenstufen spiegeln den Höhenunterschied zwischen älterem und jüngerem Teil der Krypta wider. In der Krypta ist der Unterschied auch durch Wechsel der Formen und des Materials gut zu erkennen. Im westlichen älteren Teil der Krypta mit einer Höhe von etwa 3,65 m wird das einfache Kreuzgratgewölbe ohne Gurtbögen von Sandsteinsäulen getragen, wie sie auch bei anderen Bauten Annos, z. B. St. Georg oder St. Maria ad Gradus, erscheinen. Der jüngere östliche Teil der Krypta mit einer Höhe von etwa 4,65 m wird von vier Säulenpaaren aus Trachyt getragen. Die Würfelkapitelle sind nun prononciert mit einem begleitenden Wulst geschnitten, und die Kreuzgratgewölbe werden durch klar geschnittene Gurtbogen voneinander getrennt.

Durch die staufische Verlängerung ist der annonische Abschluss von Krypta und Chor unbekannt. Aber das östlichste Paar der Sandsteinsäulen mit einem in sechs Streifen gegeneinander gesetzten Fischgrätemuster zeigt wohl das alte Ostende an. 
Hier wird der Altar gestanden haben. Ähnliche Säulen erscheinen zur gleichen Zeit in den Krypten von St. Peter in Utrecht oder der Abteikirche von Klosterrath. Jeweils die Säulen links und rechts des Altares sind auf diese Weise hervorgehoben. Ähnliches ist aus England bekannt, verbreitet vom Norden mit der Kathedrale von Durham bis zur Krypta im südlichen Canterbury. Dahinter steht das Vorbild der Colonna Santa in Rom, der Legende nach die Säule, an welcher der jugendliche Jesus im Tempel lehrte, Teil also des Lebens Christi, Symbol des Tempels als Haus Gottes. Im Barock wird dieses Symbol ja dann wieder zu einem geläufigen Begriff der Architektur.

Den Abschluss der Bauarbeiten am Langchor scheint die Gestaltung des Verbindungsbereiches zwischen Ovalbau und Langchor gebildet zu haben. Das erinnert an den Gang der Arbeiten nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges. Ende des Jahres 1190 werden die Reliquien der Märtyrer in die „nova cripta", in die neue Krypta, übertragen. Damit ist offensichtlich die neu gestaltete Confessio, das Gewölbe am Westende der Krypta gemeint, in der heute drei übereinander gestellte Sarkophage die Erinnerung an die Märtyrer wach halten. Ende August des folgenden Jahres 1191 weiht Betramus von Metz den Altar des hl. Gereon darüber - an der gleichen Stelle, wo sich auch heute wieder der alte Altar mit einer neuen Altarplatte über der Confessio erhebt. Bischof Bertramus weiht zugleich die Altäre des hl. Petrus und des hl. Blasius. Der Altar Petri befand sich in der Nische auf der Südseite mit dem Zugang zur Krypta. Der Altar des hl. Blasius könnte in der damaligen Sakristei gestanden haben; denn mit der Vollendung der gotischen Sakristei im Jahre 1319 wird er zuletzt erwähnt. Mit der zusätzlichen Weihe dieser beiden Altäre könnten sich erste Bauarbeiten im Bereich des Ovalbaus andeuten.

Anderes weist in die gleiche Richtung. 
Der obere der drei Sarkophage in der Confessio trägt die spätromanische Inschrift: 
„HIC RECONDITA SUNT CORPORA THEBEORUM MARTYRUM"
hier wurden die Leiber der thebäischen Märtyrer wieder beigesetzt. Sieben weitere solcher Sarkophage waren in den Nischen des Dekagons aufgestellt, deren Inschriften sogar Zahlenangaben über die in ihnen untergebrachten Skelette enthielten. Nur zwei davon haben die Zerstörung des Zweiten Weltkrieges überstanden. Zwei weitere Sarkophage, die teils die Altarplatte des Hauptaltars im Chor trugen, waren mit einer Inschrift versehen, welche die Erhebung der Gebeine in das Jahr 1212 datierte. Das stimmt mit dem zweiten, im Altarsepulkrum überlieferten Siegel des Kölner Erzbischofs Dietrich I. (1208-1212) überein, das dort neben denen Erzbischofs Arnold II. und Ruperts von der Pfalz gefunden worden war. In dieser untergegangenen, nur überlieferten Inschrift scheinen die gesamten Aktivitäten zusammengefasst, an deren Anfang die Erneuerung der Confessio steht.

Aber bevor wir uns nun dem Höhepunkt der Baugeschichte, der Errichtung des Dekagons, zuwenden, noch einen letzten Blick auf die Chorfassade. Chorfassaden sind durch die Lage Kölns am Westufer des Rheins bedingt. Am Ufer gelegene Kirchen wie St. Kunibert, St. Maria Lyskirchen oder Groß St. Martin setzen hier den architektonischen Akzent. Aber auch innerstädtische Kirchen stehen in der gleichen Richtung. Der Besucher nähert sich ihnen von Osten, aus der Stadtmitte kommend. So entsteht die Schaufront im Osten bei St. Gereon oder an St. Aposteln, jeweils der Stadt zugewandt. Typisch für die Kölner Chorfas-saden ist die von zwei Türmen begleitete Apsis. Mit St. Gereon wird ein Höhepunkt erreicht: Der Reichtum der Gliederung der Apsis über Sockel, Kryptageschoss, Chorunter- und Obergeschoss ist schon geschildert worden. Selbst St. Aposteln bleibt in den Rahmungen der Fenster schlichter als St. Gereon. Hier, an St. Gereon, erscheint dann erstmals (oder an Groß St. Martin früher?) die prunkvolle Verbindung von Plattenfries und Zwerggalerie mit einem weit ausladenden Traufegesims darüber. Die unteren drei Geschoss- Gliederungen werden gleichmäßig auch auf die Flankentürme übertragen. 

Mit der Höhe von Zwerggalerie und Plattenfries trennen sich die Wege. Der Ostgiebel über dem Dach der Apsis setzt mit seiner einst wohl mit Skulpturen gefüllten Nischengliederung etwas höher an als das entsprechende Turmgeschoss. Ein hier durchzogenes Gesims, durchaus denkbar, hätte zu einer merkwürdigen Trennung der Bauteile geführt. So bleibt die Mitte betont, und gleichmäßig, organisch wachsen die Türme aus der Rahmung der Apsis heraus. In sieben Etagen steigen sie auf, wobei jeweils ein deutlicher Mauerrücksprung die Etagen markiert. Die freistehenden letzten drei Turmgeschosse werden reicher durchgegliedert und schließen mit je zwei Dreiecksgiebeln auf jeder Turmseite ab. Ein Bild, das in Köln sonst nur noch bei der untergegangenen Kirche St. Laurentius erschien. Ein bewegter Umriss, der als Vorbild den achtseitigen Vierungsturm ahnen lässt, wie er erstmals um 1170 in (Dormagen-) Knechtsteden gebaut worden ist. Diese lebendigen Silhouetten, in denen Günter Bandmann die Giebel des himmlischen Jerusalems erkannte, wirken hier nach.

Der Altar im Chor ist offensichtlich im Jahre 1212 von Erzbischof Dietrich I. erneut geweiht worden. Ursache war sicher der Einbau der beiden Sarkophage mit Thebäerreliquien, welche die Inschriften trugen. Nimmt man nur die Zahlenangaben der Inschriften - längst nicht alle Inschriften enthielten eine - kommt man auf 81 Skelette, die bei dieser Aktion erhoben worden sind. Die beiden erhaltenen Sarkophage (von einst sieben) sind auf der Südseite des Dekagons eingemauert, und ein fast zerstörter ist noch in einer Nische der Nordseite zu erkennen. Diese große Zahl von Reliquienfunden, die bei weitem alles übersteigt, was bei den Grabungen Annos oder Norberts gefunden wurde, lässt auf größere Grabungsaktivitäten im und wohl auch um den Kirchenbau schließen. Keine schriftliche Überlieferung hat diese Arbeiten festgehalten. Das lässt vermuten, dass die Reliquienfunde nicht das eigentliche Ziel der Grabungen waren, sondern ein Nebenergebnis von Erdbewegungen mit einem anderen Ziel. Und damit stehen wir mitten in den Bauarbeiten des frühen 13. Jh. am Dekagon.

Über den Abschluss der Bauarbeiten, die Vollendung des Kuppelgewölbes über dem neugestalteten Dekagon, sind wir gut unterrichtet. Die „Annales Sancti Gereonis Coloniensis" haben das festgehalten: 
„Anno incarnationis dominice 1227 in octava apostolorum Petri et Pauli completa est testudo monasterii sancti Gereonis"
-
im Jahre der Fleischwerdung des Herrn 1227 am achten Tage nach dem Fest der Apostel Petrus und Paulus ist das Gewölbe des Stiftes St. Gereon vollendet worden. Wie eine kostbare Reliquie hatte man die Mauern des spätantiken Baus in den Neubau einbezogen, seine Gestalt davon bestimmen lassen. Ähnliche Rücksichtnahme kennen wir auch von anderen mittelalterlichen Kirchenbauten. Als Mindestmaß dieser Art von Pietät kann man bei Grabungen fast immer die Beibehaltung des Platzes des Hauptaltares feststellen. Der Gedanke der Sparsamkeit mag daneben durchaus auch eine Rolle gespielt haben. Was man weiter benutzen konnte, musste nicht kostspielig abgerissen werden und ersparte beachtliche Baukosten für den geplanten Neubau.

Diese Finanzprobleme, wir kennen heute ähnliche, haben zu einer weiteren Nachricht in den Quellen über den Bau des Dekagons geführt. Im Jahre 1219 beschließt das Kapitel, die Versammlung der Stiftskanoniker, umfangreiche Investitionen für den Neubau:  
„cum edificia nostre ecciesiae ex longa vetustate dispacta iam ruinam minarentur
et eorum restauratio dilationen nullam pateretur"

da die Gebäude unserer Kirche durch hohes Alter baufällig und vom Einsturz bedroht werden und ihre Erneuerung keinen Aufschub duldet. Jedes Mitglied des Stiftes wird mit Beiträgen für die „fabrica ecciesiae", für die Baukasse herangezogen. So steht es auch heute in jedem entsprechenden Beschluss und Antrag auf Baumittel. Solche bedrohlichen Schilderungen gehören zum unvermeidlichen Inventar an Formulierungen für diesen Zweck. Fast wortgleich sind zwei weitere Kapitelbeschlüsse aus dem Jahre 1224. Und im Jahre 1238 erhält .die Baukasse wieder auf neuen und anderen Wegen zusätzliche Einnahmen zugewiesen. Der Beschluss des Jahres 1219 belegt also nur - und das deutlich, da andere Finanzierungswege als bisher erschlossen werden -, dass die Baukasse leer ist. Eingesetzt haben die Bauarbeiten sicherlich früher.

Im gleichen Kapitelbeschluss des Jahres 1219 wird festgelegt, dass das Badehaus des Stiftes binnen eines Jahres fertig zustellen ist. Das wirkt auf den ersten Blick zwar mehr als kulturgeschichtliches Kuriosum, ist aber eine der wenigen Angaben, die wir für das mittelalterliche Köln zu Bauzeiten haben. Setzt man als erfahrener Bauherr schon ein Jahr als wohl knappe Frist für die Erneuerung eines Badehauses, können wir kaum erwarten, daß eine der kühnsten Baumaßnahmen der Kölner Romanik binnen acht Jahren vollendet war. 

Alles spricht dafür, dass zu Beginn des 13. Jh. mit den Funden der Thebäerreliquien die Bauarbeiten für die Fundamentierungen begonnen haben. Auch die architekturgeschichtliche Einordnung der Formen, die der Architekt des Dekagons verwendet, spricht nicht dagegen - sie erhalten sogar ihren eigentlichen Rang an Modernität, wenn wir einen Baubeginn um 1210 annehmen. Die „gotischen" Formen, die am Dekagon erscheinen. Knospenkapitelle, Strebepfeiler und Strebebögen und schließlich die Gruppenfenster des Obergadens, entsprechen dem Stand der Entwicklung gotischer Architektur in der Ile-de-France zu dieser Zeit. 
Mit einer Scheitelhöhe von 34,55 m bei einer Breite von 16,90 m zur Länge von 21 m erreicht das Dekagon als Ovalraum die üblichen Maße französischer Kathedralen Ende des 12. Jh. und zu Beginn des 13. Jh. Der viergeschossige Wandaufbau, zu dieser Zeit schon nicht mehr das Modernste an Kathedralearchitektur, ist hier durch den Bestand des spätantiken Baus bedingt. Mit einem dreigeschossigen Aufbau hätte sich bei den vorgegebenen Maßen der Nischen nicht die gewünschte Höhe erreichen lassen.

So werden innen anstelle der spätantiken Doppelsäulen mächtige Pfeiler vorgelegt. Als dünne Wandschicht umfangen sie mit gebrochenem Bogen noch abschließend die Fächerfenster des dritten Geschosses. Die am Pfeiler eingestellten Dienste, die den spitz gebrochenen Gurtbogen über den Fächerfenstern tragen, betonen die Einheit der so zusammengefassten Formen. Die Nischen bleiben bar jeglichen Schmuckes. Erst das Emporengeschoss mit seinen Arkaden in gestaffelter Höhe ist mit ornamentaler Steinmetzearbeit reich ausgestattet. Kelchknospenkapitelle und reich durchgearbeiteter Dekor als Rahmen bieten ein fast maßwerkartiges Bild. Die Emporen auf beiden Seiten des Dekagons nutzen den Raum über den spätantiken Nischen. Ihre zierlichen, halbseitig wie Muscheln angelegten Gewölbe sind kleine Vorstufen zur großen Kuppel. Rippen sind allerdings nur auf der Südseite unterlegt. Auf der Nordseite fehlen sie und zeigen damit deutlich, dass sie noch keinen konstruktiven Zweck erfüllen, spätromanische Dekoration bleiben. Darüber liegt, mit einem innenseitigen Laufgang davor, das Geschoss der Fächerfenster. Das steht deutlich in der rheinischen Tradition der doppelschaligen Wand. In der Ile-de-France hätte man den Lauf gang nach außen verlegt. Das gilt auch für den Laufgang vor den Gruppenfenstern darüber. Sie werden geschickt durch zweifach in das gestufte Gewände eingestellte Säulen mit Spitzbogenwülsten darüber gerahmt. Jeweils zwei, im Osten und Westen drei gestaffelte Lanzettfenster mit einem oder zwei Dreipässen dazwischen werden so zusammengefasst. Durch die hohen Dienste, als Dreiviertelsäule vor den Pfeiler gelegt, mit den kräftigen Rippen darüber, werden die Geschosse zu jochartigen Einheiten verbunden.

Das gut 40 cm dicke Gewölbe, in das die Rippen eingebettet sind, zeigt noch einmal, wie weit der Architekt trotz des äußeren Anscheins von den bautechnischen Entwicklungen im Herzen Frankreichs entfernt ist. Dort dienten Rippen als Führungslinien für das Einziehen dünner, leichter Gewölbekappen. Hier, mit der Kuppel von St. Gereon, deren Rippen in einem mächtigen hängenden Schlussstein enden, sind die Rippen mehr Dekoration als funktionaler Teil der Architektur. Der hängende Schlussstein in Form eines Granatapfels war, ursprünglich aus Kork und mit Leder überzogen, Symbol der Auferstehung. Im Krieg vernichtet, hat man ihn nun in Holz ersetzt.

Für den Seitenschub des mächtigen Gewölbes sind die kurzen Strebebögen über den zarten Strebepfeilern zwar an der richtigen Stelle angesetzt, aber es fehlt obenauf das notwendige Auflagegewicht, um tatsächlich den Schub ableiten zu können. Ein entsprechendes Auflagegewicht auf die Mauern des Dekagons selbst bringen Zwerggalerie mit Plattenfries und das mächtige Traufegesims darüber. 
Aber das alles hätte kaum auf Dauer ausgereicht. Wie rings um die Vierungen von St. Aposteln oder Groß St. Martin hat man die Kuppel von St. Gereon durch einen hölzernen Ringanker im Boden des Laufgangs der Zwerggalerie gesichert. Den gleichen Kanal nutzt dort der heutige moderne stählerne Ringanker. In der Technik des Gewölbes ist der Abstand vom in der Ile-de-France erreichten technischen Niveau deutlich zu erkennen. Rheinisch, spätromanisch auch die Lösung, die Laufgänge über der Empore und vor dem Obergaden innen und nicht außen verlaufen zu lassen. Damit tritt die Massivität des Mauerwerks innen erheblich stärker hervor. Die romanische Plastik der Wand wird gegenüber der durchaus gotischen Linienführung betont.

Die Verwendung „gotischer" Einzelformen, wie der Kelchknospenkapitelle der Emporen, Strebe- bögen und Strebepfeiler und der Gruppenfenster des Obergadens bereichert das Erscheinungsbild der rheinischen Spätromanik, bedeutet noch nicht den Einzug der Gotik in Köln. Aber das entspricht dem Stand der Dinge. Die Gruppenfenster des Obergadens folgen den Vorbildern der Zeit. So waren sie in den Emporen von Noyon angedeutet oder in den frühen Fenstern von Chartres oder Bourges ausgeführt worden. Erst nach 1211 wird beim Bau der Kathedrale von Reims das Maßwerkfenster entwickelt. Der Architekt von St. Gereon kann diese aber nicht mehr gesehen haben, wenn wir einen Baubeginn um 1210 voraussetzen.

Denn erst mit Reims werden gotische Architektursysteme entwickelt, die sich nicht mehr mit rom- anischen Formen verbinden lassen. Das zeigt im Gebiet des Deutschen Reiches sehr deutlich die wenig jüngere Architektur der Elisabethkirche in Marburg oder der Liebfrauenkirche in Trier. Für diese stufenweise Übernahme gotischer Architektur, verbunden mit einem Wandel in Technik und Organisation des Bauens, ist St. Gereon ein vornehmes Beispiel.
Text-Copyright: Werner Schäfke

Kreuzgang mit ehemaligen Stiftsgebäuden


Die erhaltenen Stützenreste und niedrigen Mauerzüge im Westen vor der Kirche lassen einen ehemaligen Innenhof erkennen. Er war ca. 20x24m groß und wurde von einem  Kreuzgang umgeben. Es schlossen sich an drei Seiten zweigeschossige Gebäude an. Sicher ist, dass diese Räume, besonders das Dormitorium im Norden von den Stiftsherren genutzt wurden. Im Osten befand sich der Durchgang in die Vorhalle der Kirche. Die Ausgrabungen haben gezeigt, dass römische Mauern als Fundamente benutzt wurden. In der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts wurden die Stifts-gebäude hier erneuert. Man orientierte sich an der alten Raumanordnung. Sogar der Wandkamin im Nordraum wurde an alter Stelle erneuert. Im Innenhof und der Umgebung wurde noch bis ins 18. Jahrhundert hinein bestattet. Alle Gebäude wurden im 19. Jahrhundert nach Auflösung der Stiftsgemeinschaft auf Abbruch versteigert. 


Ausschnitt aus dem Modell 
des Stadtmuseums.

Nikolauskapelle


Nicht eindeutig geklärt sind die Ursprünge dieses kleinen Raumes. Im Jahr 1067 weiht Erzbischof  Anno eine Nikolaus-kapelle. Heute ist der Raum ein Ort der Erinnerung geworden. In den Wänden sind Grabsteine eingemauert, die in St. Gereon oder der nahen Umgebung gefunden wurden.

Eine Legende wächst


Mit der problematischen historischen Qualität von Legenden haben wir bei St. Gereon noch an einer sehr viel entscheidenderen Stelle zu tun. St. Gereon tritt erstmals im frühen 7. Jh. in einer frühen Fassung des Martyrologium Hieronymianum auf, und zu Beginn des 8. Jhs. wird erstmals die Kirche als St. Gereon bezeichnet. Eugen Ewig geht sogar soweit, die Namen Gereons und der Bonner Märtyrer Cassius und Florentius für kontinuierlich überliefert zu halten. Gereon geht mit den vornehmsten der gallischen Heiligen in die laudes regiae ein, wird zum Schutz und zur Unterstützung der fränkischen Könige angerufen. Das kennzeichnet sein Ansehen und das seiner Kirche. Durch den Geschichtsschreiber und Bischof Gregor von Tours wissen wir, dass man die in unserer Kirche verehrten Heiligen - er nennt die Zahl 50 - zur Thebäischen Legion rechnet. Den Namen Gereons nennt er allerdings nicht. Die Legion aus der- christlichen Thebais in Ägypten soll nach der Legende, welche Mitte des 5. Jh. von Eucherius von Lyon zuerst formuliert wird, unter Diokletians Kaiserkollegen Maximinian die Verfolgung von Christen verweigert haben und Schritt für Schritt, von Oberitalien bis nach Xanten am Niederrhein über Europa verteilt, daraufhin ihres Glaubens wegen das Martyrium erlitten haben. So wird es endgültig um 1000 n. Chr. in der Passio zusammengestellt, die dem hl. Gereon in der Kölner Gruppe der Thebäischen Legion nun 318 Gefährten zurechnet, die dort, wo zu ihrem Gedächtnis die Kirche St. Mechtern in Köln-Ehrenfeld errichtet wurde, getötet wurden. Ihre Leichname soll man nach der Legende in einen Brunnen geworfen haben, der sich nach wechselnden Vorstellungen in der Mitte der Kirche oder unter der Confessio unter dem Gereonsaltar am Anfang zum Chor befunden haben soll. An beiden Stellen haben ihn die Grabungen der letzten Jahre nicht nachweisen können.

Aber das ist noch kein Grund, auch den Ursprüngen der Legende jeglichen Wahrheitsgehalt abzusprechen. Die nachgewiesenen Gräber von Märtyrern in Bonn und Xanten, die man mangels genauerer Nachrichten zugleich mit Gereon in die wachsende Thebäische Legion rekrutierte, sind das beste Beispiel dafür. An beiden Stellen haben wir Märtyrer, über die man schon früh nichts Genaueres mehr wusste, die man verehrte, die nach einer Geschichte verlangten, wie sie die Thebäische Legion dann liefern konnte.

Ein Märtyrergrab Gereons kennen wir allerdings ebenso wenig wie den Brunnen. Das kann drei Gründe haben, wenn ein Grab überhaupt existiert hat. Mittelalterliche Grabungen und Bauarbeiten können die Spuren vernichtet haben. In St. Gereon ist mehrfach gegraben worden. Erzbischof Anno und dem hl. Norbert von Xanten werden wir bei dieser Tätigkeit noch begegnen. Beide waren erfolgreich und deckten Gräber auf, die man heute für die Gräber fränkischer Adliger halten möchte. Um 1200 hat man dann noch einmal den Boden bei den Vorarbeiten für die staufische Erneuerung des Baues durchwühlt. Und im Bereich der Confessio, an der Nahtstelle zwischen Chor und Dekagon, ist eine Fülle von Bauarbeiten durchgerührt worden. Viele Spuren eines Grabes kann man danach nicht unbedingt erwarten. Es kann natürlich auch geschehen sein, dass irgendeiner der christlichen Archäologen des Mittelalters, deren Finderglück überliefert ist, das Grab tatsächlich gefunden hat - dann können seine heutigen Berufskollegen es nicht mehr unbedingt nachweisen. Und schließlich eine dritte Möglichkeit: Als im 11. Jh. eine andere Schar Märtyrer dem Kölner Erzbischof Anno (1056-1075) im Traum erscheint und ihn handgreiflich auffordert, etwas für die Bauunterhaltung zu tun, ist von einer sehr bescheidenen Krypta auf der Südseite der Kirche die Rede. Das lässt sich auf die von Anno später umgestaltete Nikolauskapelle beziehen. Hier vermutete man also Märtyrergräber. Man fand sie aber - wenn Anno sie hier gesucht hat, was seine Vita nicht berichtet - nicht. Erst bei Abschluss der Bauarbeiten am Chor findet man die erwarteten Gräber im Dekagon. Dann wäre die Nikolauskapelle eine dritte Möglichkeit, die von der modernen Archäologie noch zu überprüfen wäre. 
Text-Copyright: Werner Schäfke

 


Wer war Gereon? - Welche Bedeutung hat er für unsere Basilika?


Vom heiligen Gereon und seinen Gefährten.

Als der römische Kaiser Carus vom Blitz erschlagen und sein Sohn Numerian ermordet worden war, riefen die im Orient kämpfenden Legionen den Diocletian zum Kaiser aus. Dieser, ein Feldherr des Carus, machte seinen Freund Maximinian zum Mitregenten und unterstellte ihm das weströmische Reich, während er selbst im Osten blieb. Beide Cäsaren dachten daran, Rom wieder so mächtig zu machen, wie es zu der glorreichen Zeit des Augustus gewesen war. Ferner beabsichtigten sie, die altrömische Götterverehrung neu zu beleben, und geboten darum, dass die Christen aufs blutigste verfolgt würden. Endlich gingen sie gar so weit, dass sie für sich selbst göttliche Ehren verlangten.

Zur Zeit dieser beiden Cäsaren erhob sich, wie so oft schon, ein gallischer Volksstamm wider die römische Gewaltherrschaft. Maximinian wollte den Aufstand niederschlagen, besaß aber nicht genug Truppen dazu. Infolgedessen musste er den Diocletian um Hilfe anrufen und erhielt von diesem neben anderen Kriegsvölkem auch eine Legion, die im oberägyptischen Thebais ihren Standort hatte und deshalb die thebaische Legion genannt wurde. 
Sobald sie in Italien angekommen war, schickte Maximinian sie über die Alpen. Doch kaum hatte sie das Walliser Land erreicht, als ihr Anführer Mauritius benachrichtigt wurde, er hätte in dem dortigen Lager Octodurum weitere Befehle abzuwarten und fürs nächste nur einige Kohorten weiter nordwärts in das Land der Treverer und Ubier vorauszuschicken. 
So kam es, dass die Legion nicht geschlossen beisammen blieb. Ein kleiner Trupp von ihr marschierte unter Thyrsus nach Trier. Eine weitere Schar kam unter Cassius, Florentius und Pius nach Bonn. Ein dritter Trupp — nämlich 318 Mann unter Gereon und eine maurische Kohorte von 360 Mann unter Gregorius — strebte noch weiter auf Köln zu, wo die Leute am Abend des 9. Oktober 286 anlangten und sich sogleich in das dortige Heerlager begaben.                                     

Es wird berichtet, dass sich diese thebaischen und maurischen Legionäre in vielem von den sonstigen römischen Soldaten unterschieden. Sie waren nicht so rau und rücksichtslos wie diese, sondern still, verhalten und recht freundlich. Auch hatten sie eine dunklere Hautfarbe und waren im Körperbau schlanker und geschmeidiger. Gar seltsame Zeichen sollen sie auf ihren Kleidern und Waffen getragen haben. Im übrigen verkehrten ihre Offiziere mit den Mannschaften wie rechte Kameraden. Abends, ehe sie sich nach dem langen Marsch zur Ruhe begaben, sah man sie noch eine Weile bei den Zelten des Gereon und Gregorius zusammenstehen und mit gesenkten Köpfen beten. Als die Dunkelheit vollends hereingebrochen war, lagen sie bereits im Stroh und schliefen.

Wer aber von ihnen ahnte da wohl, was noch zur gleichen Nacht über sie verhängt wurde? 
Träumte einer davon, dass zu Octodurum wie zu Trier und Bonn Schwerter aufblitzten, und dass dort die Häupter ihrer zurückgebliebenen Kameraden in den Staub rollten? — 
Die Nacht war sehr kühl und der schwarze Himmel von Wolken verhangen. Die Wache auf den Wällen vermochte kaum die nächstgelegenen Häuser und Bäume der Kolonie zu sehen. Nichts rührte sich ringsum. Erst gegen Morgen, in der schwärzesten Stunde vor Sonnenaufgang hörten sie einen Reiter, der sich eilig näherte, kurz darauf anlangte und sogleich zum Oberbefehlshaber des Lagers geführt werden wollte. Wie er sagte, überbrachte er einen Befehl des Rictius, eines Feldherrn des Kaisers Maximinian.

Und dann, kaum eine halbe Stunde später, als das Lager im ersten, noch ungewissen Lichte der Dämmerung lag, ertönten Tuben, und aus den Zelten strömten, noch verschlafen, die Soldaten. Der thebäischen Legion wurde anzutreten befohlen. Wenig später trat der Lagerkommandant vor sie hin und machte ihr bekannt, dass sie sofort nach Xanten abzumarschieren hätte. Zuvor aber, so sagte er schroff, sollte sie auf ausdrücklichen Befehl des Rictius den Göttern für einen glücklichen Ausgang des bevorstehenden Feldzuges Opfer darbringen. Und nun erhob der Kommandant seine Stimme noch mehr. 
Er verkündete, dass ihre Kameraden zu Bonn, Trier und Octodurum sich geweigert hätten, die römischen Götter zu verehren, und deshalb ausnahmslos samt ihrem Anführer Mauritius hingerichtet worden seien; er selbst, der Kommandant des Lagers, würde befehlsgemäß mit ihnen, den Letzten der Legion, genau so verfahren lassen, wenn sie jetzt nicht ein für allemal ihrem Christentum abschwörten.

Die thebäischen Legionäre standen stumm und bewegungslos. Einige, die. sich nach einer kurzen Weile umwandten, sahen, dass hinter ihnen Mannschaften angetreten waren, die ihre kurzen Schwerter schlagbereit in den Händen hielten. Doch das verwirrte sie nicht; vielmehr leuchtete manches Gesicht dabei auf wie in einem heiligen Triumph. Dann schauten sie voll stiller Gelassenheit zu ihrem Anführer Gereon hin, der vor die Front getreten war und, straff dort stehend, erklärte, er spräche für alle und hätte in ihrem Namen zu sagen, dass sie zwar als getreue Soldaten jeden militärischen Befehl des Cäsars ohne weiteres ausführen würden, doch als getreue Christen nimmermehr den römischen Göttern opfern wollten.

Der Kommandant, mit finsterer Stimm und gepresstem Mund, starrte Gereon einige Sekunden schweigend an. Dann schob er plötzlich das Kinn vor und rief jene Mannschaften heran, die bisher hinter den thebäischen Legionären gestanden hatten. Da verfügte er, dass zunächst jeder Zehnte der „Aufrührer" erschlagen werden sollte. Das Folgende vollzog sich in schrecklicher Stille: Stumm und steif, mit gesenkten Köpfen lautlos In sich hineinbetend, erwarteten die Verurteilten den Todesstreich. Im nächsten Augenblick stürzten sie unter einem Schwerthieb blutüberströmt, doch ohne einen Schrei, aus der langen Reihe zu Boden. „Gebenedeit seid ihr, die ihr für Christus euer Blut hingebt!", rief da Gereon mit seiner hellen Stimme in das Röcheln der Sterbenden hinein und forderte die übrigen Kameraden auf, den vorausgegangenen nicht nachzustehen. Alles aber, was er noch sagte, übertönte die zornige Stimme des Kommandanten, der anordnete, dass ein weiteres Mal jeder Zehnte getötet werden sollte, wenn sich die Legionäre nicht sogleich zur Darbringung der Opfer bereit erklärten. Doch auch jetzt trat niemand aus der Reihe, um ihm zu willfahren; vielmehr riefen sich die standhaften Helden mit heilig erregten Stimmen zu, sie wollten gemeinsam ausharren bis zum Ende und vor ihrem obersten Anführer Mauritius wie vor all den toten Brüdern nicht zu Schanden werden. Sie begannen sogar laut zu singen und umarmten einander dabei. Die Wut der Römer dagegen ward immer größer; also dass sie hemmungslos wie Tiere an den kampflos sterbenden Heiligen handelten. 
Zuletzt wurden Gereon und Gregorius enthauptet. Die Leichen warf man in einen tiefen Brunnen. Der Ort aber, wo dies alles geschah, war noch anderthalb Jahrtausende später unter dem Namen "Der Mordhof zu Köln" bekannt.

Kaiser Konstantins Mutter, die heilige Helena, hat die Gebeine der thebäischen Blutzeugen wenige Jahrzehnte nach deren Tode wieder entdeckt und in kostbaren Gewändern auf geweihtem Boden beisetzen lassen. Darüber wurde eine fast kreisrunde Kirche erbaut, die so herrlich mit Gold und edlem Gestein ausgeschmückt war, dass man sie überall ,,ad sanctos aureos", das heißt 
"zu den goldenen Heiligen" nannte. Die Hunnen haben später dieses Gotteshaus geschändet und beraubt. Was übrig blieb oder in den nächsten Jahrhunderten wiederhergestellt wurde, das vernichteten im Jahre 882 die Normannen. 
Hernach stand die Kirche lange verlassen, bis der heilige Anno Erzbischof von Köln wurde und das altehrwürdige Heiligtum in neuer Pracht erstehen ließ.

Die alte Orgel vor ihrer Zerstörung durch einen Bombenangriff. Orgel   Blick in die Kryptazurück zum Überblick   Orgelgeschichte zur Orgelgeschichte

Last Update: 14.01.12 14:47 H. Wolfgarten